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Der Einsatz beim 1:1 gegen Köln stimmte, spielerisch hat Werder allerdings noch Luft nach oben.

Taktikanalyse zum Spiel gegen den 1. FC Köln

Nur Gnabry knackt den Kölner Riegel

Bremen - Von Cedric Voigt. Langsam, aber sicher kehrt das Selbstvertrauen nach Bremen zurück: Das 1:1 gegen Peter Stögers Kölner bedeutete für den SV Werder das vierte ungeschlagene Spiel in Folge. Die Taktikanalyse.

Anders als noch in der Vorwoche in Berlin brauchte es für den Punktgewinn im letzten Heimspiel des Kalenderjahres allerdings eine ganze Menge Glück. Die Gäste aus der Domstadt haben sich in den letzten Spielzeiten kontinuierlich weiterentwickelt. Peter Stögers Kollektiv mag es an den Einzelakteuren fehlen, die mit genialen Aktionen Spiele entscheiden, doch dank des passend zusammengestellten Kaders und einer großen taktischen Flexibilität bei gleichzeitig enorm sauberer Umsetzung des Spielsystems bedarf es solchen Spielern auch kaum. Vielmehr sind die Kölner kleine Effizienzkünstler, die mit der viertbesten Defensive der Liga und einem klaren Plan nach Bremen gereist waren.

Die Gäste formierten sich in einem kampfstark besetzten 3-4-1-2-System, in dem Artjoms Rudnevs und Anthony Modeste als Sturmduo agierten, die sowohl bei langen Bällen als Anspielstationen auf die Seiten ausweichen als auch für Präsenz im Zentrum sorgen sollten, wenn beispielsweise Konstantin Rausch als linker Flügelverteidiger in Position für eine Hereingabe gebracht werden konnte. Um die beiden klassischen Mittelstürmer herum agierte der spielstarke Yuya Osako, der als Verbindungsspieler zwischen Mittelfeld und Angriff eine Freirolle einnahm, sich je nach Spielsituation im ganzen Kölner Angriffsdrittel als Anspielstation positionierte und etwas Kreativität ins Spiel der Gäste bringen sollte.

Kölns starkes Stellungsspiel gegen den Ball

Nominell war davon nämlich gar nicht so viel auf dem Platz: Vor der Dreierkette aus Frederik Sörensen, Mergim Mavraj und Dominique Heintz agierte mit Marco Höger und Jonas Hector eine lauf- und zweikampfstarke, aber nicht unbedingt kreative Doppelsechs. Auch die Positionen der Flügelverteidiger besetzte Stögers Truppe eher konservativ. Die Spielweise der Kölner war dementsprechend nicht auf ein geduldiges Zerspielen des Gegners mit viel eigener Ballkontrolle ausgelegt, sondern hauptsächlich darauf, viele Ballgewinne zu erzielen, in beide Richtungen gut umzuschalten und den Ball in Richtung der Mittelstürmer zu bringen – meist als Verwerter von Konterchancen, notfalls auch ganz simpel per Flanke.

Diese Taktik ging zunächst auch gut auf: Im Aufbauspiel wirkten die Bremer, die mit derselben Startelf wie noch in der Vorwoche angetreten waren, lange Zeit etwas ratlos. Mit Osako, Modeste und Rudnevs konnten die Kölner gleich drei Spieler konstant zum hohen Anlaufen des Bremer Spielaufbaus einteilen, ohne das eigene Mittelfeld zu entblößen. Somit gelang es den Gästen selbst bei einem Zurückfallen Philipp Bargfredes zwischen Lamine Sané und Niklas Moisander stets, Druck auf das Bremer Aufbauspiel auszuüben, dem diesmal die Anspielstationen in den Halbräumen fehlten. Wollte Werder halblinks oder halbrechts rausspielen, suchte sofort der jeweilige Flügelverteidiger den Zugriff, während einer der Sechser unterstützend herausrückte.

Grundsätzlich überzeugte Köln gegen den Ball konstant mit sehr guten mannschaftlichen Abläufen: Die Abstände zwischen den Ketten eröffneten Werder kaum Räume, die Verschiebebewegungen innerhalb der Formation bei Bremer Zuspielen in die Offensive liefen reibungslos ab und auch die Bremer Idee, Serge Gnabry ab Mitte der ersten Hälfte häufiger zentral einzubinden und dafür Max Kruse stärker auf links zu ziehen brachte die Gäste nicht durcheinander. Ihre gute Zuordnung provozierte Fehler im Bremer Aufbau, auf die meist solide, aber nicht allzu zwingend ausgespielte Gegenstöße folgten.

Gnabry trifft aus dem Nichts

Mit der Kölner Führung durch einen Abstauber von Rudnevs änderte sich die Spieldynamik etwas. Zuvor hatten sich Clemens Fritz und Philipp Bargfrede mit ihrer mannorientierten Spielweise etwas unnötig aus dem Zentrum ziehen lassen, wo auch Serge Gnabry eher auf einer guten Konterposition nach einem möglichen Ballgewinn spekulierte statt Jonas Hector zu verfolgen, der den gnädig gewährten freien Raum nutzen konnte, um auf Modeste durchzustecken, dessen Schuss Rudnevs dann im zweiten Versuch verwerten konnte.

So bejubelte Serge Gnabry seinen Ausgleichstreffer zum 1:1 gegen Köln.

Im Anschluss wirkte Werder etwas energischer im Vorwärtsgang, ohne sich allzu gute Abschlusspositionen gegen die gut gestaffelten Kölner erspielen zu können. Serge Gnabry genügte zur Freude des Bremer Publikums jedoch auch eine eher schlechte Position etwa 30 Meter vor dem Kölner Tor, um mit einem scharf geschossenen Aufsetzer Thomas Kessler zu überwinden, wodurch Werder quasi aus dem Nichts fünf Minuten vor der Pause der Ausgleich gelang.

Wenig später initiierte ein Ball von Kruse auf den über links startenden Gnabry die bis dato beste eigenständig herausgespielte Bremer Chance, in deren Nachgang Claudio Pizarro das Lattenkreuz traf. So ergab sich das Bild einer relativ ausgeglichenen Partie – bei Bremen waren es die Einzelkönner, allen voran der zwar in seinem riskanten Spiel nicht fehlerfreie, aber durchschlagskräftige Serge Gnabry, während die Kölner die ausgereiftere Taktik zum Vorteil hatten.

Werder kurz vor Schluss im Glück

Nach der Pause reagierte Alexander Nouri – personell wie taktisch. Für den angeschlagenen Clemens Fritz kam Zlatko Junuzovic in die Partie. Auf dem Feld versuchte Werder derweil nun, die Formation der Gäste weitestgehend zu spiegeln, um die Zuordnung zu erleichtern. Diese Umstellung bedeutete besonders für die Bremer Flügelspieler geänderte Spielerrollen: Fin Bartels agierte defensiv nun häufiger rechts in einer Fünferkette, während Serge Gnabry neben Bargfrede und Junuzovic oft im zentralen Mittelfeld auftauchte. Zu Beginn der zweiten Hälfte konnte Werder die Kölner so etwas stärker fordern als im 4-4-2, dessen etablierte Passwege leichter abgeschnitten werden konnten.

So entstand eine offenere Partie mit vielen Umschaltsituationen und höherer Abschlussfrequenz besonders kurz nach der Pause, in der auch Werder zu zwei guten Chancen kam. Gegen Ende der Begegnung verflachte das Spiel jedoch zusehends. Werder schien die Intensität nicht konstant aufrechterhalten zu können und hatte gegen Ende der Partie, als die Kölner die Spielkontrolle wieder weitestgehend an sich gerissen hatten, noch das Glück, nach einem Foulspiel von Robert Bauer keinen Elfmeter gegen sich gepfiffen zu bekommen.

Das letzte Heimspiel war also insgesamt eine durchwachsene Partie gegen einen unspektakulären, aber taktisch guten Gegner, gegen den man mit einem Punkt zufrieden sein muss. Die Organisation in der Dreier- bis Fünferkette machte Werder derweil wie schon gegen Frankfurt und Schalke durchaus zu schaffen – es wird interessant zu sehen sein, ob Alexander Nouri mit seiner Mannschaft in der Winterpause versuchen wird, Ähnliches einzuspielen.

Kruse liefert nur seltene Kostproben seines Könnens

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