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Riesenjubel bei Werder-Coach Florian Kohfeldt und Co-Trainer Thomas Horsch nach dem Siegtor gegen den Hamburger SV.

1:0 im Nordderby gegen den HSV

Taktik-Analyse: Krampf-Fußball! Doch Werders Mut sichert den Sieg

Bremen - Es war ein Derby zum Vergessen. 85 Minuten lang passierte das quadrierte Nichts. Unser Taktikexperte Tobias Escher erklärt, warum Werder sich gegen den Hamburger SV so lange schwertat – und warum der Sieg am Ende doch verdient war.

Manchmal sagt die Tabellenposition mehr aus als jede Analyse. Am Samstagabend traf im Bremer Weserstadion der Tabellen-15. auf den Tabellen-17.. Zwei der drei schlechtesten Offensivreihen der Bundesliga standen auf dem Feld – und obendrein war das Spiel auch noch ein umkämpftes Derby. Kein Wunder, dass die Partie keinen hochklassigen Fußball bot. Kampf, Krampf und ganz viel fußballerisches Unvermögen prägten das Nordderby.

Dabei hatte Werder doch in den ersten Wochen des Jahres klare spielerische Fortschritte gemacht unter dem neuen Coach Florian Kohfeldt. So wäre auch im Derby Bremens Ballbesitzspiel gefragt gewesen. Der Hamburger SV fokussierte sich von der ersten Minute an auf das Konterspiel und überließ Bremen den Ball. Die Hamburger zogen sich in einem kompakten 4-5-1 zurück. Der Plan von HSV-Trainer Bernd Hollerbach sah vor, den einzigen Stürmer Andre Hahn mit langen Bällen zu füttern.

Fotostrecke: 1:0 - Werder holt wichtigen Derbysieg

In der Anfangsphase ging es auf dem Platz zunächst noch ruhiger zu. Auffälliger waren da einige Hamburg-Anhänger, die Pryros im Fanblock zündeten.
In der Anfangsphase ging es auf dem Platz zunächst noch ruhiger zu. Auffälliger waren da einige Hamburg-Anhänger, die Pryros im Fanblock zündeten. © Gumz
Die erste Bremer Chance hatte Maximilian Eggestein nach 16 Minuten. Bei seinem Schuss stand Hamburgs Rick van Drongelen aber im Weg.
Die erste Bremer Chance hatte Maximilian Eggestein nach 16 Minuten. Bei seinem Schuss stand Hamburgs Rick van Drongelen aber im Weg. © Gumz
Werder tat sich weiterhin schwer, weil Hamburg das Spiel eng machte und vor allem Max Kruse eng markierte.
Werder tat sich weitestgehend schwer, weil Hamburg das Spiel eng machte und vor allem Max Kruse eng markierte. © Gumz
Wenn die Bremer mal einen Angriff starteten, dann meist über Florian Kainz, der aber ziemlich blass blieb auf seiner linken Seite.
Wenn die Bremer mal einen Angriff starteten, dann meist über Florian Kainz, der aber ziemlich blass blieb auf seiner linken Seite. © Gumz
Werder leistete sich Fehlpässe um Fehlpässe. Auch von Hamburg kam in der ersten Hälfte nicht viel, sodass es mit einem 0:0 in die Pause ging.
Werder leistete sich Fehlpässe um Fehlpässe. Auch von Hamburg kam in der ersten Hälfte nicht viel, sodass es mit einem 0:0 in die Pause ging. © Gumz
Nach dem Seitenwechsel hatte Werder anfangs zwar mit 75 Prozent deutlich mehr Ballbesitz, fand aber keine Lücken in der HSV-Abwehr.
Nach dem Seitenwechsel hatte Werder anfangs zwar mit 75 Prozent deutlich mehr Ballbesitz, fand aber keine Lücken in der HSV-Abwehr. © Gumz
Bis zur 71. Minute dauerte es, bis die Grün-Weißen mal wieder gefährlich wurden. Eggestein versuchte es mit einem feinen Schlenzer, traf den Ball aber nicht richtig.
Bis zur 71. Minute dauerte es, bis die Grün-Weißen mal wieder gefährlich wurden. Eggestein versuchte es mit einem feinen Schlenzer, traf den Ball aber nicht richtig. © nordphoto
Zehn Minuten später war es wieder Eggestein, der die Chance auf das 1:0 hatte. Sein Kopfball war aber leichte Kost für HSV-Keeper Christian Mathenia (81.).
Zehn Minuten später war es wieder Eggestein, der die Chance auf das 1:0 hatte. Sein Kopfball war aber leichte Kost für HSV-Keeper Christian Mathenia (81.). © nordphoto
Werder wollte unbedingt die drei Punkte und versuchte nochmal alles. Im Sechzehner schob Johannsson den Ball unter Mathenia, Belfodil setzte entscheidend nach und Rick van Drongelen spitzelte den Ball ins eigene Tor (86.).
Werder wollte unbedingt die drei Punkte und versuchte nochmal alles. Im Sechzehner schob Johannsson den Ball unter Mathenia, Belfodil setzte entscheidend nach und Rick van Drongelen spitzelte den Ball ins eigene Tor (86.). © nordphoto

Kohfeldt schickte seine Mannschaft im gewohnten 4-3-3-System auf das Feld. Die Innenverteidiger sollten zusammen mit Sechser Philipp Bargfrede das Spiel aus der Tiefe aufbauen. Davor sollten die Mittelfeldspieler die Verbindungsräume besetzen, die Außenspieler sollten Tiefe und Breite geben.

Mit dem eigenen Ballbesitzspiel kam Bremen allerdings nur selten vorbei an Hamburgs enger Fünferreihe im Mittelfeld. Es fehlte die Struktur im Spiel: Max Kruse zeigte sich gewohnt umtriebig, besetzte dabei jedoch häufig Räume, die bereits besetzt waren. Maximilian Eggestein rückte für den ausweichenden Kruse in die vorderste Linie, konnte dort aber wenig Präsenz zeigen. Es waren solche scheinbar kleinen Fehler in den Positionierungen, die Bremens Ansätze im Ballbesitz zunichte machten.

Hamburg kontert Bremer Linkslastigkeit

Bremen blieb häufig nur der Weg über die Flügel, hier waren die Hamburger aber gut aufgestellt. Vor allem über die linke Seite wollten die Bremer vor das Tor gelangen. Ludwig Augustinsson zeigte sich gewohnt offensivfreudig, suchte die Kombinationen mit Linksaußen Florian Kainz. Auch Thomas Delaney, Stürmer Max Kruse und teils sogar Rechtsaußen Zlatko Junuzovic boten sich auf links an.

Die Hamburger konterten diese Bremer Linkslastigkeit, indem sie auf dieser Seite äußerst defensiv standen. Bakery Jatta rechtfertigte seine überraschende Nominierung als Rechtsaußen, indem er Augustinsson aus dem Spiel nahm. Mit sechs gewonnenen Zweikämpfen gewann Jatta die meisten Bälle aller Akteure. Achter Gideon Jung sowie Innenverteidiger Kyriakos Papadopoulos halfen ebenfalls häufig auf dieser Seite aus, sodass Hamburg einen engen Block am Flügel aufstellen konnte. Der HSV pinnte die Bremer am linken Flügel fest. Diesen fehlte wiederum ein Spieler, der beide Flügel miteinander verband.

Die Grafik zeigt Bremens Überladung der linken Seite. Hamburg konterte die Bremer Überzahl auf dem Flügel und stellte enge Deckungen her. Besonders Jatta, Jung und Papadopoulos gewannen viele Zweikämpfe.

Die defensive Kompaktheit war die große Stärke der Hamburger an diesem Abend. Ihre tiefe 4-5-1-Formation war kaum zu knacken, so optimal verschoben die Spieler über das Feld. Situativ schoss Aaron Hunt aus der eigenen Formation, um zusammen mit Stürmer Hahn die Bremer Innenverteidiger zu stören. Hamburgs Wechsel aus tiefer Defensive und hohem Pressing zerstörte Bremens Rhythmus.

Der Preis: Die gesamte Mannschaft konzentrierte sich auf die Defensive, strahlte keinerlei offensive Gefahr aus. Es fehlte ein Stürmer, der Bälle hält, und Mittelfeldspieler, die im rechten Moment nachrücken. Bremen gelang es, über das eigene Gegenpressing praktisch jeden Hamburger Konter zunichtezumachen. Das war eine Stärke des linkslastigen Bremer Spiels: Es postierten sich stets mehrere Spieler in Ballnähe, sodass Bremen nach einem Ballverlust mit einer Überzahl nachsetzen konnte.

Der Unterschied: Bremen wechselt offensiv

Über eine Stunde neutralisierten sich beide Teams mit ihrem taktischen Ansatz. Erst in der Schlussviertelstunde kippte das Spiel zugunsten der Bremer. Es waren die Wechsel, die beide Teams voneinander unterschieden: Kohfeldt ging auf den Sieg, während Hollerbach an seinem defensivem System festhielt.

Kohfeldt brachte zunächst Belfodil (73., für Kainz), der den rechten Flügel besetzte. Auch Johannsson (84., für Junuzovic) zog eher in den Strafraum. Werder konnte somit die eigene Linkslastigkeit besser ausspielen, da nun im Strafraum Abnehmer für Flanken bereitstanden. Frei wurde dadurch vor allem Eggestein, den die Hamburger bei seinen Vorstößen häufiger ungedeckt ließen. Es war letztlich keine taktische Meisterleistung von Kohfeldt, die mit der Umstellung einherging. Es war vielmehr das Signal an Mannschaft wie Fans: Seht her, wir wollen den Sieg!

Das Siegtor passte zur Partie: Nach einer Flanke von links eroberte Bargfrede mit einem Kraftakt den zweiten Ball. Die eingewechselten Johannsson und Belfodil stocherten den Ball in einer Koproduktion über die Linie (86.). Es war ein umkämpftes, umstrittenes, nicht wirklich schön herausgespieltes Siegtor. Also genau der passende Schlusspunkt in diesem Derby des fußballerischen Krampfs.

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