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Werder Bremen und Trainer Alexander Nouri sind im Höhenflug.

Nach dem Sieg im Nordderby

Ungeahnte Möglichkeiten

Bremen - Die Wahnsinns-Serie geht weiter! Nach dem 2:1-Sieg gegen den Hamburger SV sind für den SV Werder die Europa-League-Plätze deutlich näher als die Abstiegszone. Aber die Bremer trauen sich noch nicht zu träumen.

Es ist nun wahrlich nicht die Art von Alexander Nouri, einzelne Spieler aus seiner Mannschaft nach Erfolgen herauszuheben, sie gesondert zu loben, sie quasi vor das Kollektiv zu stellen. Nein. Werders Trainer spricht in seinen Analysen viel lieber von „geschlossenen Mannschaftsleistungen“ und „gutem Spirit“. Nach dem so wichtigen 2:1 (1:1)-Heimsieg im Nordderby gegen den Hamburger SV machte Nouri am Ostersonntag allerdings eine Ausnahme - zumindest bildlich.

Der Schlusspfiff war gerade erst ertönt, da schnappte sich der Coach Werders Siegtorschützen Florian Kainz, nahm ihn in die Arme - und hob ihn in den Himmel. Mit seinem Treffer in der 75. Minute hatte der Österreicher dafür gesorgt, dass die Bremer als Gewinner vom Platz gehen, dass sie in der Tabelle plötzlich auf dem achten Rang stehen - und dass Europa auf einmal zu Greifen nah scheint.

Einzelkritik: Kruses Konter eine Augenweide

Felix Wiedwald
Felix Wiedwald: Irgendwie wirkte der Keeper etwas nervös, bis er ausgerechnet den Ex-Bremer Hunt im eigenen Fünfmeterraum (!) ganz cool austrickste und die brenzlige Situation klärte. Davor und danach mit starken Paraden, erst gegen Kostic (16.), dann gegen Ostrzolek (56.). Note 2 © nordphoto
Milos Veljkovic
Milos Veljkovic: Schwierige Partie für den Verteidiger. Beim 0:1 ließ er Torschütze Gregoritsch laufen. Ohnehin fehlte dem Bremer manchmal etwas die Geschwindigkeit. Doch das machte er im Laufe der Partie mit viel Cleverness wett, am Ende stark. Note 3 © nordphoto
Lamine Sane
Lamine Sane: Hatte nach seiner Verletzungspause etwas Anlaufprobleme, war dann aber ein guter Abwehrchef, der den Hamburger nach der Pause fast nichts mehr gestattete. Note 2,5 © nordphoto
Niklas Moisander
Niklas Moisander: Machte in der Mitte Platz für Rückkehrer Sane, sortierte aber auch von etwas weiter links aus das gute Bremer Defensivverhalten. Der coole Finne wusste wieder einmal ganz genau, wann er im Zweikampf ernst machen musste. Note 2 © nordphoto
Theodor Gebre Selassie
Theodor Gebre Selassie: Was für ein Kämpfer! Der Tscheche führte gleich 23 Duelle mit einem HSV-Profi – fast doppelt so viele wie jeder andere Spieler auf dem Platz. Mit 71,9 Prozent war die Erfolgsquote ordentlich für einen Außenverteidiger, der ungewohnt viel für die Offensive tat. Note 2 © nordphoto
Maximilian Eggestein
Maximilian Eggestein: Ihm fehlte zwar wie Veljkovic etwas das Tempo, trotzdem als Sechser wertvoll. Löste viele Probleme mit Geschick und Köpfchen. So oft war er wohl noch nie im Luftkampf und auch selten zuvor so erfolgreich. Das war bei den vielen langen HSV-Bällen wichtig. Note 3 © nordphoto
Santiago Garcia
Santiago Garcia (bis 73.): Spielte auf der linken Seite mit angezogener Handbremse, weil ihn Hunt so sehr beschäftigte. Doch ausgerechnet sein kluger, langer Ball auf Bartels leitete den Ausgleich ein. Das gab ihm Selbstvertrauen. Er wurde immer mutiger, bis ihn Diekmeier aus dem Spiel foulte. Erste Diagnose: Nacken gestaucht. Note 2,5 © nordphoto
Florian Grillitsch
Florian Grillitsch (bis 63.): Es hätte auch sein Derby werden können, doch der Österreicher vergab beste Chancen. Trotzdem ein ordentlicher Auftritt mit viel Herz und Übersicht. Note 3 © nordphoto
Zlatko Junuzovic
Zlatko Junuzovic: 12,6 Kilometer – der Kapitän war mal wieder der lauffreudigste Spieler. Vor dem Gegentor blieb er allerdings stehen, was Hunt zur Flanke nutzte. Viele richtig gute Pässe. Ärgerlich, dass sein feiner Freistoß vom Innenpfosten zurück ins Feld sprang (22.). Wegen seiner fünften Gelben Karte im nächsten Spiel gesperrt. Note 2,5 © nordphoto
Fin Bartels
Fin Bartels: Perfekte Vorlage zum Ausgleich. Der Stürmer wuselte sich mal wieder mit ganz viel Einsatz durch die gegnerische Abwehr. Nur beim Abschluss fehlte ihm dann etwas die Kraft. Note 2,5 © nordphoto
Max Kruse
Max Kruse (bis 90.): Tor gemacht, Tor vorbereitet – wer denkt da noch an seine vergebene Riesenchance in der ersten Minute? Zumal es eine Augenweide war, ihm gerade bei den Kontern zuzuschauen. Traf mit dem Ball fast immer die richtige Entscheidung. Dadurch ließ er seine Kollegen ziemlich gut und den Gegner ziemlich schlecht aussehen. Note 1,5 © nordphoto
Florian Kainz
Florian Kainz (ab 63.): Dieser Joker sticht einfach. War sofort voll im Spiel und dann vor dem Tor eiskalt. Diesen Siegtreffer wird er nie vergessen – und damit macht er sich immer mehr zum Startelf-Kandidaten. Note - © nordphoto
Robert Bauer
Robert Bauer (ab 73.): Wurde nur zwei Wochen nach seinem Außenbandriss wieder gebraucht – und funktionierte sofort. Note - © nordphoto
Philipp Bargfrede
Philipp Bargfrede (ab 90.): Er ist wieder da – wenn auch nur mit einem Ballkontakt. Erster Einsatz in diesem Jahr nach diversen Verletzungsproblemen. Note - © nordphoto

„Die Fans dürfen träumen“, sagte Nouri nach dem Nordderby und machte mit dem nächsten Satz direkt klar, dass er kein Träumer ist: „So lange rechnerisch nach unten noch etwas möglich ist, fokussieren wir uns nur auf das nächste Spiel.“ Bis es mit diesem Fokussieren allerdings losgeht, haben die Bremer Profis nun erstmal zwei Tage frei. Es ist die Belohnung für die starke Leistung gegen den Nordrivalen, und die haben sich die Grün-Weißen wirklich mehr als verdient.

Werder wollte, Werder investierte - und Werder gab vor allem nie auf. So hätte die Mannschaft nach der vergebenen Großchance von Max Kruse (1.) sowie dem frühen Gegentreffer durch Michael Gregoritsch (6.) durchaus verunsichert sein, ja sogar auseinanderfallen können, tat sie aber nicht. Ganz im Gegenteil. „Wir haben uns durch den Rückstand nicht aus der Bahn werfen lassen“, freute sich Sportchef Frank Baumann. Dafür, dass Werder die Ruhe bewahrt habe, sei die Mannschaft belohnt worden.

Max Kruse sprühte vor Ideen und Spielwitz

Dieses Belohnen - es hatte im Nordderby ganz viel mit einem Mann zu tun: Max Kruse. Werders momentan wertvollster Spieler sprühte nur so vor Ideen und Spielwitz, ließ auf der anderen Seite aber auch den nötigen Einsatz nicht vermissen. Da war es fast folgerichtig, dass der 29-Jährige an beiden Bremer Toren beteiligt war: Das 1:1 köpfte er in der 41. Minute selbst, das 2:1 von Kainz legte er mustergültig auf. Und Nouri? Der umschiffte das eigentlich fällige Sonderlob für den Angreifer geschickt: „Wir haben unglaublich viel Geschlossenheit, sodass diese Spieler dann den Unterschied machen können.“ HSV-Trainer Markus Gisdol ließ seiner Bewunderung für Kruse da schon eher freien Lauf: „Er war der herausragende Mann. Wir müssen in den nächsten Wochen zum Glück nicht mehr gegen ihn spielen.“

Tja, die nächsten Wochen - für Werder erscheinen sie plötzlich in einem ganz anderen Licht. Am kommenden Wochenende geht es zum Tabellenvorletzten FC Ingolstadt, danach kommt Hertha BSC. Die Punkte, die es dabei zu holen gibt, scheinen aktuell weniger überlebenswichtig im Abstiegskampf, denn nützlich für den Sprung nach Europa. Das ist auch den Werder-Profis nicht entgangen, auch wenn der offizielle Sprachgebrauch beim Thema „Internationales Geschäft“ noch immer ein sehr vorsichtiger ist. Fin Bartels war nach dem Derbysieg noch der Mutigste, indem der sagte: „Wir können nun ein zwei Tage schielen, was das oben los ist. Wann sollen wir denn sonst feiern, wenn nicht nach einem Derbysieg?“

Wie er da so stand und die Fragen rund um das Derby beantwortete, vermittelte dieser Bartels den Eindruck, dass es momentan ziemlich viel Spaß macht, bei Werder zu spielen. Momentan scheinen die Dinge einfach, die Arbeit leicht zu sein. Selbst personelle Rückschläge machen da nichts aus. "Da muss Santi raus, und dann spielt Robert wieder, und das sogar mit einem Fuß", scherzte Bartels und spielte damit auf das verletzungsbedingte Aus von Santiago Garcia und die Rückkehr des in den Wochen zuvor am Knöchel verletzten Robert Bauer an.

Derbysieger also, seit nunmehr neun Spielen ungeschlagen: Werder geht entspannt in die kommende Woche. Zwar betonte Kapitän Zlatko Junuzovic, man müsse realistisch bleiben, und die Mannschaft wisse, woher sie gekommen sei. Aber da war ja auch noch Fin Bartels: „Die Fans dürfen träumen, und wir können heute und morgen auch mal kurz träumen und singen.“ Der passende Textvorschlag war kurz zuvor schon aus der Ostkurve gekommen: „Europapokal, Europapokal!“

Riesenjubel! Kruse und Kainz drehen das Derby

106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
Werder-Anhänger bescherten dem HSV einen feindseligen Empfang, warfen Farbbeutel, ... © nordphoto
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
...Flaschen, Bierbecher und Eier auf den Mannschaftsbus. Auch die patrouillierenden Einsatzkräfte bekamen was ab. © nordphoto
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
Insgesamt waren geschätzt 750 Polizisten im Einsatz, um das 106. Nordderby zu sichern. © nordphoto
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
Das Nordderby gilt ohnehin als Hochrisikospiel. Gerade nach der Attacke auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund ist die Polizei in Alarmbereitschaft. © nordpho to
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
Das Spiel begann mit einem dicken Ausrufezeichen! Werder überfiel den HSV, Max Kruse scheiterte mit seinem Schuss nach 33 Sekunden am stark reagierenden Keeper Christian Mathenia. © nordphoto
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
Dann aber die kalte Dusche: Michael Gregoritsch köpfte den HSV in Führung (6. Minute). © nordphoto
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
Vorlagengeber Aaron Hunt feierte das Tor mit dem anderen Ex-Bremer Dennis Diekmeier. © nordphoto
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
Filip Kostic hätte die Gäste sogar mit 2:0 in Führung bringen können. Felix Wiedwald parierte aber gut. © nordphoto
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
Werder (mit Maximilian Eggestein) und der HSV (mit Michael Gregoritsch) liefern sich ein äußerst unterhaltsames Fußballspiel. © nordphoto
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
Werder hatte mehrere hochkarätige Chancen zum Ausgleich. Erst verfehlte Florian Grillitsch das Tor knapp, kurz darauf zwirbelte Zlatko Junuzovic einen Freistoß an den Pfosten. © nordphoto
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
Vor der Pause schaffte Werder aber noch den verdienten Ausgleich: Max Kruse schloss eine tolle Direktpass-Kombination mit dem Kopf ab (41.). © nordphoto
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
Die Freude beim SV Werder war riesengroß. © nordphoto
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
Schrecksekunde bei Werder: Dennis Diekmeier greift Santiago Garcia ins Gesicht und fällt auf ihn... © nordphoto
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
...Garcia verletzte sich dabei offenbar schwerer... © nordphoto
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
...und musste vom Feld getragen werden. Für ihn kam Robert Bauer, der sein Blitz-Comeback feierte, zwölf Tage nach einem Außenbandriss. © nordphoto
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
Das Weserstadion bebte! Florian Kainz schoss aus spitzem Winkel das 2:1 für Werder. Das Spiel war gedreht - und gewonnen! © nordphoto
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
Nach dem Spiel stürmte ein freudetrunkener Alexander Nouri aufs Feld... © nordphoto
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
...herzte seinen Siegtorschützen Florian Kainz... © nordphoto
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
... und landete dann in den Armen von Abwehrchef Lamine Sane, der nach auskurierter Verletzung durchspielte. © nordphoto
106. Nordderby: Werder Bremen gegen Hamburger SV
Das Banner sagt, was die Stunde geschlagen hat: Derbysieg! © nordphoto

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