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Zlatko Junuzovic (r.) ist in der Aktion zwei Schritte schneller als Hamburgs Gotoku Sakai.

Taktik-Analyse

Bremer Derbysieger lassen Hamburger Stärken ins Leere laufen

Bremen - Von Cedric Voigt. Ein Nordderby auf Augenhöhe hatte sich angekündigt: Der Tabellenzwölfte, Werder, gegen den Tabellenvierzehnten aus Hamburg. Wie fast jede Begegnung zweier Mittelfeldteams auf dem Papier vor allem eine wegweisende Partie im Abstiegskampf. Die Taktik-Analyse.

Mit Blick auf die Formtabelle seit Rückrundenbeginn war das Nordduell allerdings auch eine Weichenstellung dafür, wer vielleicht noch einmal nach oben schauen darf: Dort rangierten die Bremer vor Anpfiff auf Rang 6, der HSV folgte punktgleich einen Platz dahinter. Der Aufschwung der beiden Nordrivalen ist eng mit den Namen der beiden Trainer verknüpft.

Während Alexander Nouri seiner Mannschaft vor allem zu einer klareren Ordnung und Stabilität aus einem tiefen, abwartenden Mittelfeldpressing heraus verhelfen konnte, steht Markus Gisdol für einen Fußball, der den Spielrhythmus am liebsten selbst vorgibt. In Hamburg hieß das zuletzt: Geplantes Chaos. Aggressives Pressing und Gegenpressing, eine kompakte 4-2-3-1-Formation, die eine Überzahl im Zentrum herstellen möchte, um zweite Bälle zu erobern – mit diesen Grundprinzipien nahmen die Rothosen ihren Gegnern zuletzt regelmäßig die Lust am Fußball und konnten selbst immer wieder Nadelstiche setzen.

Nouri vertraute gegen diesen unangenehmen Gegner dem gewohnten 3-1-4-2: Max Kruse und Fin Bartels starteten als bewegliche, laufstarke Spitzen, die immer wieder das Mittelfeld unterstützten oder auf die Außenpositionen auswichen. Dahinter agierten Zlatko Junuzovic und Florian Grillitsch als Achter, die ebenfalls viel unterwegs waren. Dabei waren die Positionierungen der einzelnen Spieler so flexibel wie passend: Wenn sich ein Stürmer im Mittelfeld einschaltete, setzte sich oft einer der Achter etwas zur Seite ab und besetzte den Flügel oder den Halbraum, falls der Bremer Außenverteidiger bereits nachgerückt war, um dem Bremer Offensivspiel die Breite zu geben. Als Abnehmer für Hereingaben konnten die zentralen Spieler dann in den Strafraum stoßen. 

Werder verpasst Blitzstart - HSV schlägt eiskalt zu

Die bewährte, rochierfreudige Offensive mit Qualitäten im Umschaltspiel sollte es also richten – und eröffnete das Spiel direkt mit einer Großchance, als Max Kruse nach einem Zuspiel des auf den Flügel gerückten Grillitsch nur knapp den Blitzstart für Werder verpasste. Der HSV hatte da mehr Glück – und den Spielverlauf zunächst auf seiner Seite: Mit der ersten echten Torgelegenheit gingen die Gäste in Führung. Michael Gregoritschs Kopfball und auch Aaron Hunts Flanke von der rechten Seite knackten mit später nur noch selten gesehener technischer Präzision die eigentlich kompakte Bremer Defensive – ein Gegentreffer, wie er trotz eigentlich gut organisierter und wenig anfälliger Abwehrleistung passieren kann.

Allerdings auch ein Treffer, der Werder in eine unangenehme Situation brachte: Selbst das Spiel zu machen lag den Bremern in dieser Spielzeit wenig. Auf die Siegerstraße hatte Werder zuletzt meist ein frühes Führungstor gebracht, nach dem der Gegner Räume für Konterangriffe zuließ, die die Bremer oft genug nutzen konnten. Ein wenig profitierte Werder allerdings von der aggressiven Spielweise der Hamburger: Anstatt sich tief in die eigene Hälfte zurückzuziehen, Werder das Spiel zu überlassen und mit diszipliniert verschiebenden Ketten den eigenen Strafraum zu sichern, führten die Gäste ihren Matchplan unbeirrt fort.

Gisdol ließ besonders die nominellen Außenstürmer Hunt und Filip Kostic sehr hoch und zentral attackieren, sodass das nominelle 4-2-3-1 oft wie ein 4-3-2-1 wirkte – mit Kostic und Hunt als hängenden Spitzen, die den Bremer Aufbau unter Druck setzten und eher das Zentrum verstärkten als den Flügel sicherten.

Einzelkritik: Kruses Konter eine Augenweide

So blieb die Partie weiter offen und ausgeglichen – und Werder gelangte zu Chancen, die eigenen Stärken auszuspielen. Zwar sah man im Aufbau häufiger lange Bälle als lange Ballstafetten, allerdings war man diese Spielweise bereits aus den Vorwochen gewohnt – auch, wenn gerade die Befreiungsschläge von Wiedwald selten ankamen, landete der Ball dank der unpräzisen Spielweise des HSV und einer souveränen Defensivleistung auch schnell wieder in denen eigenen Reihen. Über Grillitsch und einen Freistoß von Junuzovic hatte man sich dem Ausgleich bereits angenähert, ehe dieser nach einem lehrbuchmäßigen Umschaltangriff tatsächlich fiel.

Der unauffällige, aber mit schnellen, intelligenten Pässen und gutem Positionsspiel überzeugende Maximilian Eggestein konnte eines der hektischen Hamburger Zuspiele abfangen. Am Mittelkreis konnten sich Bartels, Kruse und Junuzovic aus dem Gegenpressingdruck der Hamburger befreien und auf die Seite verlagern. Garcia nutzte anschließend auf links den Platz, den die Hamburger auf den Flügeln ließen – ein anspruchsvoller Diagonalball des Argentiniers und zwei clevere Laufwege der nachgerückten Bartels und Kruse später war Werder nach ordentlicher Leistung auch hinsichtlich des Resultats wieder in der Partie.

Damit konnten die Bremer exakt die Hamburger Schwächen ausnutzen: Die Doppelsechs aus Gotoku Sakai und dem Brasilianer Walace rückte vor allem vertikal nach, mit auf die Flügel rückten die Hamburger nur vereinzelt – wohl auch, weil die Bremer Aufstellung nominell ohne Außenstürmer auskam und Flügelangriffe so nur punktuell möglich waren. Andererseits konnte die neu formierte Viererkette, in der Gideon Jung Leistungsträger Kyriakos Papadopolous ersetzen musste, mit der Spielweise von Kruse und Bartels leicht überfordert werden: Mannorientiertes Verteidigen wurde durch den Aktionsradius der Bremer Spitzen fast unmöglich gemacht, noch dazu besetzten die Bremer die Räume in der Offensive clever und konnten dank ihrer Dynamik im Nachrücken kaum verteidigt werden.

So wirkte Werder in einer ausgeglichenen und unruhigen Partie, die nicht zuletzt dank des Hamburger Pressings auch von sehr niedrigen Passquoten bestimmt wurde (Werder brachte 71% aller Zuspiele zum Mann, die Hamburger 65%), über weite Strecken wie die Mannschaft mit dem größeren Offensivpotential. Nach der Pause verstärkte sich dieser Eindruck nur noch: Nach dem Ausgleich kontrollierte Werder die Partie weitestgehend, ohne die Hamburger gänzlich in ihrer eigenen Hälfte einzuschnüren. Dafür überspielte man das Pressing der Gäste nun deutlich konstruktiver, verließ sich weniger auf Befreiungsschläge und konnte sich meist direkt und mit wenigen Kontakten in gefährliche Zonen kombinieren.

Um den Druck noch zu erhöhen brachte Alexander Nouri nach einer Stunde Florian Kainz für den mit Gelb vorbelasteten Grillitsch, brachte also einen noch etwas quirligeren Mittelfeld-Allrounder mit etwas mehr Zug zum Tor. Markus Gisdol nahm ebenfalls einen positionsbezogenen Wechsel vor: Pierre-Michel Lasogga für Michael Gregoritsch bedeutete jedoch eher keinen Zugewinn an Spielkultur, dafür wurde das Hamburger Sturmzentrum nun von einem noch bulligeren und unangenehmerem Zielspieler besetzt.

Moisander steht für Bremer Entwicklung im Aufbauspiel

Das spielerische Übergewicht blieb also auf Bremer Seite – nicht zuletzt dank der Rückkehr von Lamine Sané. Der zweikampfstarke Senegalese nahm zwar selbst wenig Einfluss auf den Bremer Aufbau, erlaubte als Ruhepol im Zentrum aber Niklas Moisander wieder, auf die Position des linken Halbverteidigers zu rücken. So konnte der Finne etwas vorgeschoben das Spiel eröffnen und die Lücken der Hamburger Formation bespielen. Besonders eindrucksvoll gelang Moisander dies in der 75. Spielminute: Sein Zuspiel auf Junuzovic schnitt zentral durch das Hamburger Mittelfeld, überspielte reichlich Raum sowie sechs Gegenspieler und leitete schließlich das 2:1 des mit Tempo in den Strafraum stoßenden Kainz ein.

Solche Bälle, im Hockeysport (und zusehends im Fußball) auch „Laserpässe“ genannt, sind bei Moisander kein Zufall: Wie sonst nur der erneut überragende Max Kruse steht der spielstarke Verteidiger für die positive Bremer Entwicklung im Aufbauspiel, die wegen dem starken Fokus auf Umschaltaktionen und deren Erfolg zuweilen etwas wenig Beachtung findet.

Dass die Bremer Derbysieger sich nun wohl endgültig aus dem Abstiegskampf verabschiedet haben, verdanken Sie einer ganzen Reihe von neuentdeckten Stärken. Nach nun mehr neun Partien ohne Niederlage ist mittlerweile sogar eine Sensation denkbar, zumal verletzte Startelfkandidaten (von denen Werder längst wieder mehr als elf hat) wie Robert Bauer oder Philipp Bargfrede ihr Comeback gaben oder es wie Serge Gnabry oder Thomas Delaney zumindest für den Saisonendspurt in Aussicht steht. Mit den Ingolstädtern, die ihre letzte Chance im Abstiegskampf wittern, haben die grün-weißen Derbyhelden zunächst allerdings eine enorm unangenehme Auswärtsaufgabe vor der Brust.

Riesenjubel! Kruse und Kainz drehen das Derby

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