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Werder-Coach Florian Kohfeldt im Spiel gegen Hannover 96.

Taktik-Analyse

Endlich wieder Offensive: Wie Kohfeldt das Team taktisch umgestellt hat

Huch! Bremen kann ja plötzlich Tore schießen! Wie Trainer Florian Kohfeldt die Mannschaft in kürzester Zeit offensiv weiterentwickelte, erklärt unser Taktikfuchs Tobias Escher.

Vier. Das ist die Zahl der Woche in Bremen. Bislang konnte Werder an elf Spieltagen gerade einmal vier Treffer erzielen. Und dann kam das Spiel gegen Hannover 96. Mit vier zu null schickt Bremen die in dieser Saison defensiv so starken Hannoveraner nach Hause. Florian Kohfeldt hat das Team merklich offensiver eingestellt als sein Vorgänger Alexander Nouri – und gegen 96 ging diese Marschroute vollends auf.

Kohfeldt bleibt beim Mischsystem

Bei seinem Debüt vor zwei Wochen schickte Kohfeldt seine Bremer in einer interessanten Mischformation auf das Feld. Defensiv verteidigen die Bremer in einem klassischen 4-4-2. Zwei kompakte Viererketten sollen die Räume schließen. Vereinzelt preschen die Außenstürmer im Pressing nach vorne und machen Druck.

Bei Ballbesitz wird aus diesem System ein 4-3-3. Max Kruse mimt in diesem System den einzigen Stürmer, interpretiert seine Rolle aber äußerst frei. Immer wieder lässt er sich fallen oder weicht auf die Flügel aus, um sich seines Gegenspielers zu entledigen. Die nominellen Außenstürmer Zlatko Junuzovic und Fin Bartels rückten wiederum häufig ins Zentrum und orientierten sich in Richtung Tor.

Auch im Mittelfeld gibt es klare Rollenaufteilungen. Thomas Delaney und Maximilian Eggestein rücken auf den Halb-Positionen immer wieder nach vorne. Philipp Bargfrede gestaltet das Spiel als Sechser vor der Abwehr, schaltet sich immer wieder in den Spielaufbau mit ein.

Offensive Außenverteidiger setzen Hannover unter Druck

Der größte Unterschied zwischen Kohfeldts und Nouris Taktik hängt aber nicht mit der Formation zusammen. Unter Nouri lautete die Devise: „Sicherheit geht vor.“ Die Spieler hielten sich bei eigenen Angriffen zurück und waren stets darauf bedacht, schnell wieder in eine stabile Ordnung zurückkehren zu können. Bei Kohfeldt sollen die Spieler offensiver agieren und sich häufiger in die eigenen Angriffe einschalten. Vor allem die Außenverteidiger agieren offensiver.

Hannover hatte mit dieser taktischen Maßgabe große Probleme. Trainer Andre Breitenreiter hatte seine Mannschaft in einer Raute aufgestellt. Vier zentrale Mittelfeldspieler sollten Bremens Mittelfeld-Trio und den zurückfallenden Kruse aus dem Spiel nehmen. Das funktionierte in der ersten Halbzeit.

Die Löcher auf Hannovers Flügeln.

Probleme ergaben sich jedoch auf dem Flügel. Hier hat eine Raute von Natur aus Probleme, den gegnerischen Außenverteidiger zu stören; es fehlt ein Außenstürmer, der ihn aufnimmt. Das machte sich in Hannovers System umso stärker bemerkbar, als dass die Mittelfeldspieler stur Bremens Mittelfeldspieler deckten. Vor allem Gebre Selassie nutzte die dadurch entstehenden Freiheiten auf der rechten Seite.

Dennoch stand Hannover mit dem defensiven System solide. Bremen hatte Mühe, in das Zentrum zu gelangen – hier stimmten die Übergänge vom Flügel ins Zentrum noch nicht. Der Führungstreffer fiel letztlich nach einem Konter (39.). Hier zeigte sich die positive Seite des offensiveren Aufrückens. Bremen brachte schnell mehrere Spieler in Strafraumnähe.

Bremen nutzt defensive Patzer

Das war auch der große Segen der zweiten Halbzeit: Bremen konnte mit der Führung im Rücken das eigene Konterspiel stärker forcieren. Hannover lud sie dazu ein. Andre Breitenreiter hatte in der Pause auf ein 3-4-3 umgestellt, doch die Spieler setzten dieses neue System nicht um. Gerade auf Hannovers linker Seite taten sich riesige Lücken auf. Bartels konnte von hier immer wieder in die Schnittstellen starten. Das Zusammenspiel zwischen Bartels und Kruse erinnerte an ihr blindes Verständnis, das Bremen im Frühjahr Tor um Tor bescherte.

Kohfeldts neues System hat Bremens Torhunger neu entfacht. Trotz des klaren Siegs gab es kleine Defizite: Das offensivere Aufrücken führt naturgemäß zur Gefahr, ausgekontert zu werden. Oft funktionierte das aggressive Nachsetzen des Mittelfelds, das sehr bissig wirkte. Doch nicht immer kam Bremen schnell genug in eine stabile Ordnung zurück, wie vor allem Harniks große Chance zum 1:1 bewies (46.). Hannover war im Passspiel zu fahrig, testete Bremens Defensive nur selten; die Frage bleibt, wie Bremen sich gegen offensiv stärkere Gegner schlägt. Leipzig wartet in der kommenden Woche.

Diese Frage kann aber noch ein paar Tage warten. Nach dem überzeugenden Auftritt gegen Hannover können die Bremer Anhänger erst einmal etwas tun, was sie lange nicht mehr gemacht hatten: sich auf das nächste Spiel freuen.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

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