+
Florian Kohfeldt konnte es kaum fassen, dass der Ball gegen Hertha einfach nicht ins Tor wollte.

Werder gegen Hertha BSC

Analyse: Bremen spielt nahezu perfekt - bis auf den Torabschluss

Bremen - Wieder ein Lob, wieder kein Sieg: Werder hat dank flexibler Taktik Hertha über weite Teile des Spiels im Griff, meint unser Taktikanalyst Tobias Escher. Zum Sieg fehlt aber Tiefe im Spiel nach vorne sowie ein Goalgetter.

Was haben Werder Bremen, der VfB Stuttgart, der Hamburger SV und der 1. FC Köln gemeinsam? Natürlich, sie stehen allesamt am Ende der Tabelle. Sie sind nebenbei aber auch die Bundesligisten mit der schwächsten Torausbeute. Gerade einmal 15 (Köln) respektive 16 Treffer (Stuttgart, HSV, Werder) haben die Traditionsclubs in 20 Spielen erzielt; nicht einmal ein Treffer pro Spiel. Bei keinem der vier Clubs klafft die Lücke zwischen den Leistungen, die das Team zeigt, und der Torausbeute weiter auseinander als bei Werder Bremen.

Riesige Fortschritte im Aufbauspiel

Gegen Hertha BSC machte Werder dort weiter, wo sie vor Wochenfrist gegen Bayern München aufgehört hatten: Sie spielten beherzt und munter nach vorne. Die größte Verbesserung unter Trainer Florian Kohfeldt stellt zweifelsohne das Offensivspiel dar. Er hat der Mannschaft einen offensiveren Stil verschrieben, der ihr merklich guttut.

Gegen Hertha BSC schickte er sein Team in einem offensiven 4-3-3 auf das Feld. Die Außenstürmer-Positionen bekleideten mit Zlatko Junuzovic und Jerome Gondorf zwei Spieler, die sich eher in der Zentrale wohlfühlten. Dementsprechend häufig zogen sie in die Mitte. Für die Breite auf den Flügeln sorgten die offensiv eingestellten Außenverteidiger. Philipp Bargfrede verblieb in einer tiefen Position und sicherte die Vorstöße ab.

Aus dieser Grundformation heraus zeigten die Bremer ein flexibles Aufbauspiel. Gegen Herthas defensives 4-4-2 wagte Werder viele Positionswechsel: Immer wieder ließen sich einzelne Spieler zwischen die Ketten fallen, legten den Ball direkt ab und starteten hinter die Abwehr.

Kruse – omnipräsent und doch fehlt er

Vor allem Max Kruse zeigte sich mal wieder äußerst umtriebig. Er half der Mannschaft im Aufbau, ließ sich teils weit fallen. Damit stellte er Herthas zunächst passiv agierende Verteidiger vor ein Dilemma: Sie waren eher darauf bedacht, die Räume im engen 4-4-2 dicht zu machen. Kruse bewegte sich immer wieder aus dem 4-4-2 heraus, wodurch sie ihn eigentlich hätten verfolgen müssen; taten sie aber in der Anfangsphase nicht.

Die Grafik zeigt, wie Werder sich zwischen den Ketten von Berlin anbot.

So war es Kruse, der seine Mannschaft immer wieder nach vorne peitschte. Das Problem: Er hatte vor sich zu selten Anspielstationen. Dieses Problem plagte Werder bereits in den vergangenen Partien.

Gegen Hertha versuchte besonders Maximilian Eggestein, mehr Tiefe in das eigene Spiel zu bringen. Doch noch immer fehlt Werder der letzte Zug zum Tor, sobald sich Kruse zurückfallen lässt. Dies fällt besonders ins Gewicht, da sich Kruse in der Rückrunde wesentlich tiefer positioniert als in der Hinrunde. Man spürt das Fehlen von Fin Bartels, Kruses kongenialem Partner. Seine Tiefenläufe würden Bremen aktuell guttun.

Werder mit den besseren Chancen

Trotzdem hätte Werder in der ersten Halbzeit in Führung gehen müssen. Gerade in der Anfangsphase erspielten sie sich gegen passive Herthaner immer wieder Chancen. Sie überluden im Angriff zunächst das Zentrum, um den Ball dann über die Außen vor das Tor zu tragen.

Sobald es jedoch in Strafraumnähe ging, zeigte Werder Schwächen. Die Bremer Angreifer haben derzeit ein unnachahmliches Talent: In Situationen, in denen ein Mitspieler besser postiert ist, suchen sie den Abschluss. In Situationen, in denen kein Kollege frei steht, verschleppen sie hingegen das Tempo und verpassen den Abschluss. Gegen Hertha wären sogar noch mehr drin gewesen als die 18 Torabschlüsse. (Auch so markiert dies Werders Topwert in dieser Saison.) Bremen fehlt einfach ein Goalgetter.

Hertha wacht auf, Kohfeldt geht auf Sieg

Hertha wachte erst nach einiger Zeit auf. Mit der Zeit schoben die Berliner weiter nach vorne, gingen selbst zu einem aktiven Pressing über. Der junge Arne Maier rückte in der Folge von seiner Sechser-Position häufiger nach vorne, um den zurückfallenden Philipp Bargfrede zu stellen. Gerade nach der Pause erzielte Hertha mit dem Pressing einige Wirkungstreffer. Werder musste häufig zurück zu Jiri Pavlenka passen. Pavlenka, ohnehin nicht der spielstärkste Keeper, blieb unter Druck nur der lange Ball. Es entstand in der Anfangsphase der zweiten Halbzeit ein zerfahrenes Spiel.

Fotostrecke: Nullnummer gegen Hertha

Schon nach wenigen Sekunden hatte Jerome Gondorf die Bremer Führung auf dem Fuß, traf nach einem Zuspiel von Theodor Gebre Selassie aber nur den Pfosten.
Schon nach wenigen Sekunden hatte Jerome Gondorf die Bremer Führung auf dem Fuß, traf nach einem Zuspiel von Theodor Gebre Selassie aber nur den Pfosten. © nordphoto
Wenige Minuten später jubelten die Werder-Fans im Weserstadion. Maxi Eggestein erzielte ein Tor.
Wenige Minuten später jubelten die Werder-Fans im Weserstadion. Maxi Eggestein erzielte ein Tor,... © nordphoto
...doch Schiedsrichter Bastian Dankert nahm den Treffer nach Videobeweis zurück. Thomas Delaney hatte in einem Zweikampf zuvor den Ellenbogen benutzt.
...doch Schiedsrichter Bastian Dankert nahm den Treffer nach Videobeweis zurück. Thomas Delaney hatte in einem Zweikampf zuvor den Ellenbogen benutzt. © nordphoto
Nach dem aberkannten Treffer wurde Werder immer stärker und hatte 57,5 Prozent Ballbesitz.
Nach dem aberkannten Treffer wurde Werder immer stärker und hatte 57,5 Prozent Ballbesitz. © nordphoto
Es ging hin und her in der ersten Hälfte, zur Pause stand es aber 0:0. Hier im Duell: Thomas Delaney (re.) und Ex-Bremer Davie Selke.
Es ging hin und her in der ersten Hälfte, zur Pause stand es aber 0:0. Hier im Duell: Thomas Delaney (re.) und Ex-Bremer Davie Selke. © nordphoto
Nach dem Seitenwechsel ließ Werder etwas nach. Hertha agierte etwas offensiver.
Nach dem Seitenwechsel ließ Werder etwas nach. Hertha agierte etwas offensiver. © dpa
In der 66. Minute hatte Werder die Chance zur Führung. Gondorf spielte den Ball von außen in die Mitte, Zlatko Junuzovics Abschluss war aber zu schwach.
In der 66. Minute hatte Werder die Chance zur Führung. Gondorf spielte den Ball von außen in die Mitte, Zlatko Junuzovics Abschluss war aber zu schwach. © Gumz
Nur wenige Sekunden später stand der gerade eingewechselte Vedad Ibisevic völlig blank vorm Tor, vergab aus aus vier Metern für die Hertha.
Nur wenige Sekunden später stand der gerade eingewechselte Vedad Ibisevic völlig blank vorm Tor, vergab aus aus vier Metern für die Hertha. © imago
Am Ende blieb es beim torlosen Unentschieden zwischen Werder und den Berlinern.
Am Ende blieb es beim torlosen Unentschieden zwischen Werder und den Berlinern. © nordphoto

Kohfeldt hielt in der Folge an seinem 4-3-3-System fest, wechselte aber immer offensivere Spielertypen ein. Zu Spielschluss agierte Florian Kainz (72., für Bargfrede) auf Linksaußen, Ishak Belfodil (80. für Gondorf) im Sturm und Aron Johannsson (88., für Junuzovic) auf Rechtsaußen. Thomas Delaney übernahm die Sechser-Position, Max Kruse (!) agierte neben Eggestein auf der Acht.

Werder hatte nun klare Angriffsrouten: Sie überluden die linke Seite. Von dort aus sollten Johannsson und Belfodil im Strafraum mit Flanken gefüttert werden. Bremen spielte bis zur letzten Sekunde auf Sieg, doch es fehlte die letzte Wucht im Abschluss. So bleibt auch nach dem Spiel gegen Hertha nichts als ein Lob übrig: Werder hätte den Sieg verdient gehabt. Doch so langsam braucht Bremen kein Lob mehr, sondern einfach nur noch Punkte.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

Schon gelesen?

Kohfeldts stummer Schrei nach Spielern

Sane soll gehen - Caldirola kann gehen

Ärger über Videobeweis: „Willkürlich und ein Witz

Einzelkritik: Junuzovic im Abschluss zu harmlos

Schon gesehen?

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Auch interessant

Was denkst Du über den Artikel?

Nichts mehr verpassen

Kommentare