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Werder-Trainer Alexander Nouri sah gegen Hertha BSC einen sicheren Sieg seiner Bremer.

Taktik-Analyse

Bremer Blitzstart stellt die Weichen - in Richtung Europa?

Bremen - Von Cedric Voigt. Wie macht Werder das bloß? Jetzt feierten die Bremer sogar gegen den Tabellenfünften Hertha BSC einen souveränen Start-Ziel-Sieg. Die Taktikanalyse hat Antworten.

Werder empfängt den Liga-Fünften – und geht als Favorit in die Partie. Was vor ein paar Wochen noch utopisch geklungen haben mag, wurde am Samstagnachmittag Wirklichkeit: Während die Bremer ihre Serie auf elf ungeschlagene Spiele (davon neun Siege) erweitern konnten, ließ die Berliner Not-Elf weiter Federn im Kampf um die europäischen Plätze.

Pal Dardais Mannschaft musste in der Defensive gleich auf eine ganze Viererkette verzichten: Was sich sonst Plattenhardt – Brooks – Stark – Weiser las, musste verletzungsbedingt zu Mittelstädt – Torunarigha – Langkamp – Pekarik umgebaut werden. Nicht nur aufgrund der individuellen Qualitäten der einzelnen Akteure eine erhebliche Schwächung: Das Berliner 4-2-3-1 lebt viel von seiner Eingespieltheit und seiner sauberen Umsetzung der mannschaftlichen Abläufe, vom Spielaufbau aus der Tiefe bis hin zum Übergeben der Gegenspieler in der Verteidigung. Chaos oder Unsicherheiten sind im souveränen Berliner Durchschnittsfußball nicht vorgesehen.

Anfangsphase mit druckvollen Bremern und trägen Berlinern

Werder begann dementsprechend druckvoll und aktiv: Die übliche 3-1-4-2-Aufteilung war auch gegen die Berliner das Mittel der Wahl. Zlatko Junuzovic rotierte nach abgesessener Sperre für Florian Kainz zurück in die Startelf und neben Florian Grillitsch auf die linke Achterposition. Gegen den Ball konnte Werder so etwas aggressiver agieren: Häufig positionierte sich im Pressing einer der beiden Österreicher zwischen den Bremer Stürmern und orientierte sich am freien Berliner Sechser, während der andere neben Maximilian Eggestein auf die Sechs rückte, um mögliche Lücken im Zentrum auszubalancieren und Berliner Schnellangriffe zu verhindern.

Diese kamen allerdings ohnehin nicht zustande: Das zumeist behäbige Berliner Spiel, das – ganz anders als der Stil der Ingolstädter oder der Hamburger – oft sowohl der eigenen als auch der gegnerischen Mannschaft einen sicheren Aufbau erlaubt und selten frühe Fehlpässe forciert, wirkte ohne die offensivstarken Plattenhardt und Weiser oder den im Aufbau wichtigen Brooks noch statischer als sonst oft. Häufig ließen sich der Brasilianer Allan oder sein norwegischer Mitspieler Per Skjelbred aus dem Sechserraum zwischen die beiden Innenverteidiger fallen – so wurde der Ball in der ersten Aufbaulinie zunächst gesichert und konnte relativ souverän quergespielt werden, die wirklich raumgewinnenden Pässe ins Mittelfeld wurden so jedoch schwierig.

Werder darf weiter von Europa träumen

Besonders in der Anfangsphase setzte das Bremer Sturmduo aus Fin Bartels und Max Kruse durch kluges Anlaufen die Berliner Verteidiger früh unter Druck und versperrte die Anspielstationen ins Mittelfeld. Dort hatte Werder ohnehin die Überzahl gegen den übrigen Sechser und Zehner Vladimir Darida, dessen Freilaufbewegungen erst später in der Partie vereinzelt den trägen Rhythmus der Berliner Offensivbemühungen aufbrechen konnten. Auch das Einrücken Salomon Kalous, begleitet von Vorstößen Mittelstädts auf der Außenbahn, konnte aufgrund der guten Bremer Defensiv-Staffelungen kaum erfolgreich genutzt werden:

Wenn der Gegner Werder Zeit lässt, sich zurückzuziehen, verteidigt die Mannschaft von Alexander Nouri effektiv mit einer Fünferkette und drei Sechsern, deren individuelles Herausrücken auf den Gegenspieler mannschaftlich sehr gut abgestimmt ist und kaum Lücken öffnet. Der simple Berliner Offensivplan hatte damit so seine Probleme: Über 90 Minuten kamen nur zwei Schüsse auch wirklich auf den Kasten von Werder-Keeper Felix Wiedwald – die neu formierte Viererkette entschuldigt die offensive Harmlosigkeit der Gäste kaum.

Niklas Moisander (l.) brillierte als Regisseur im Bremer Aufbauspiel.

Das Spiel gehörte also zunächst den Bremern – und erneut vor allem Niklas Moisander: Der Finne profitierte vom eher laxen 4-2-3-1-Pressing der Herthaner, das es der Bremer Dreierkette erlaubte, hoch aufzurücken. Mit 70 gespielten Pässen (vor Maximilian Eggestein mit 52) war Moisander erneut der zentrale Knotenpunkt des Bremer Aufbaus – und fand jede Menge Optionen vor: Einerseits konnte er konservativ über die Dreierkette auf die Seite von Milos Veljkovic verlagern.

Andererseits ließen die Berliner oftmals Theodor Gebre Selassie auf der ballfernen Seite frei – Kalou orientierte sich eher in Richtung Veljkovic, Mittelstädt sicherte die Tiefe des Feldes ab und die Sechser orientierten sich in der Regel an den Bremer Achtern. Neben anspruchsvolleren Verlagerungen auf den Tschechen eröffneten sich auch Möglichkeiten für kurze Kombinationen: Robert Bauer positionierte sich als linker Verteidiger oftmals etwas tiefer, um anspielbar zu bleiben, während Max Kruse und Fin Bartels in ihren Paraderollen als ausweichende Stürmer erneut eine enorme Präsenz zeigten und sich immer wieder in den Halbräumen freiliefen.

Zwei völlig atypische Berliner Gegentore entscheiden das Spiel

Grundsätzlich hatte Werder also durchaus eine Menge Varianten zur Verfügung, um den Ball nach vorne zu bringen – schon nach einer Viertelstunde war das allerdings kaum noch nötig: Zwei völlig atypische Berliner Gegentore sollten schon früh im Spiel den späteren Endstand festschreiben. Erst war es ein Konter gegen die sonst so auf Sicherheit bedachten Gäste: Nach einem Berliner Freistoß kam der Ball zu Max Kruse, der sich auf dem rechten Flügel freigelaufen hatte und in Bedrängnis einen idealen Steilpass in den Lauf von Fin Bartels spielen konnte, den dieser durch die Hosenträger von Keeper Rune Jarstein zur Bremer Führung einschob.

Nur sechs Minuten später zollte der neu formierte Berliner Defensiv-Verbund dem Bremer Pressing Tribut: Durch das Nachschieben von Junuzovic konnten erst Skjelbred, dann Allan und letztlich Jarstein entscheidend unter Druck gesetzt werden. Bartels und Kruse hatten derweil die Berliner Innenverteidiger zugestellt – Jarsteins Versuch, sich per Flachpass zu befreien, konnte so leicht von Bartels abgefangen werden, der diesmal Kruse bediente. Der Abschluss war dann nur noch Formsache.

Einzelkritik: Applaus für Bartels, Junuzovic bleibt blass 

In der zweiten Halbzeit änderte sich die Spieldynamik merklich: Die Berliner hatten nun mehr vom Spiel, erspielten sich Ballbesitzvorteile und wurden von Werder nicht mehr so früh gestört. Das hatte jedoch eher damit zu tun, dass die Bremer einen Gang zurückschalteten und vor allem die aggressiven Momente im Pressing seltener einstreuten. Auch wurde Vladimir Darida nun oft früher in den Spielaufbau eingebunden. Der laufstarke Tscheche konnte mit seinem Bewegungsspiel und seinen technischen Fähigkeiten immer wieder Passdreiecke erzeugen und es den Berlinern ermöglichen, spielerisch Raumgewinn zu erzielen.

So kamen die Gäste nun häufiger mit Ball über die Mittellinie – wirklich torgefährlich wurde das Spiel der Hauptstädter jedoch zu keinem Zeitpunkt. Gegen im Zentrum kompakt agierende Bremer blieben trotz häufiger Unterstützung durch den nominellen Flügelspieler Kalou oftmals nur relativ plumpe Flanken auf Mittelstürmer Vedad Ibesevic übrig. Fand man doch mal eine Schnittstelle zwischen den Bremer Linien, fehlte meistens der Anschlussaktion die letzte Qualität.

Hertha fehlt der Plan B – Nouri muss kaum reagieren

Einen wirklichen Plan B hatten die Berliner ebenfalls nicht anzubieten – mit der Hereinnahme von Ondrej Duda für Skjelbred zeigten sie später zwar Ansätze eines 4-1-4-1, die grundsätzliche Spielweise unterschied sich jedoch kaum von der im 4-2-3-1 mit zurückfallendem Sechser und Darida als laufstarkem, überall anspielbaren Zehner. Alexander Nouri musste somit nicht groß auf Dardais Umstellungen reagieren, sondern konnte mit positionsgetreuen Wechseln das Ergebnis weiter sichern, Kräfte schonen und dem angeschlagenen Grillitsch eine Pause gönnen. Tatsächlich hatten die Bremer unterm Strich durch Gebre Selassie und den spät eingewechselten Gnabry sogar die besseren Chancen, als sie die Hertha jeweils in der Vorwärtsbewegung überraschen konnten.

Damit steht Werder drei Spieltage vor Schluss auf einem Europa-League-Platz – und hat trotz eines schweren Restprogramms alles selbst in der Hand. Schon gegen die flexiblen Kölner dürfte es kommenden Freitag deutlich schwerer werden als gegen Herthas letztes Aufgebot. Die Qualität und das Selbstvertrauen, auch diese Hürde zu nehmen, dürfte bei Alexander Nouris Mannschaft allerdings vorhanden sein.

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