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Florian Kohfeldts Taktik gegen Mainz 05 ging zwar auf, für drei Punkte reichte es am Ende aber trotzdem nicht, weil Werder zweimal geschlafen hatte.

Nach dem Mainz-Spiel

Taktik-Analyse: Werder zerstört starken Auftritt in wenigen Sekunden

Bremen - Über nahezu neunzig Minuten hatte Werder den FSV Mainz 05 im Griff. Vor allem defensiv agierten die Bremer clever. Unser Taktikexperte Tobias Escher ist etwas ratlos, warum am Ende nur ein Punkt dabei heraussprang.

Taktische Planung im Fußball ist immer komplex. Welche Spieler sind fit? Wer ist in Form? Wie spielt der Gegner? Wie kann ich die eigenen Stärken zur Geltung bringen und gleichzeitig die Schwächen des Gegners ausnutzen? Die Trainerteams planen heutzutage minutiös, wie sie ein Spiel angehen.

Manchmal werfen die Geschehnisse auf dem Platz die gesamte Planung um. Am Samstagnachmittag veränderte im Weserstadion ein Tor die taktische Planung beider Teams - und das nach nicht einmal zwei Minuten. So lange dauerte es, bis Werder Bremen die Führung übernahm gegen den FSV Mainz 05. Diese frühe Führung sollte das ganze Spiel beeinflussen.

Bremen kontert, Mainz hat den Ball

Die frühe Bremer Führung legte die Rollen für die kommenden 88 Minuten fest: Mainz musste ein Tor erzielen, Bremen konnte sich auf Konter fokussieren. Während der frühe Bremer Führungstreffer noch nach einem aggressiven Pressing fiel, zog sich Werder in den kommenden Minuten weiter zurück. Mainz musste das Spiel gestalten.

Die Mainzer hatten herbe Probleme mit dieser Rolle, auch weil Bremen stark verteidigte. Zunächst stellte sich Bremen in einem 4-1-4-1 auf. Nach einigen Minuten änderte Florian Kohfeldt die Formation: Thomas Delaney rückte nach vorne neben Ishak Belfodil. Bremen verteidigte fortan in einem 4-4-2. Da Delaney und Belfodil eher tief agierten, konnte Bremen in der neuen Formation mehr Druck auf die Mainzer Doppelsechs ausüben. Diese ließen sich innerhalb des Mainzer 4-4-2-Systems häufig fallen.

Mainz hatte in der Folge 60 Prozent Ballbesitz, kam aber selten bis gar nicht vor das Bremer Tor. Die tiefe Rolle der Doppelsechs ließ die Wege zwischen defensivem und offensivem Mittelfeld zu groß werden. Stürmer Pablo De Blasis ließ sich immer wieder zurückfallen, doch auch er fand keine Bindung an das Spiel. Mainz blieb nur der Weg über die Flügel. Doch auch hier war Bremen gut aufgestellt: Der Schachzug, den gelernten Außenverteidiger Theodor Gebre Selassie als Rechtsaußen aufzustellen, ging vollends auf. Er konterte die Vorstöße des offensiv auftretenden Daniel Brosinski.

Die Grafik zeigt Werders Defensive gegen Mainz Ballbesitzansätze mit der tiefen Doppelsechs.

Belfodil bereitet Mainz Probleme

Es waren die Bremer, die in der Folge die besseren Chancen hatten. Mainz hatte offenbar damit gerechnet, dass der angeschlagene Max Kruse im Sturm aufläuft. Die Mainzer Innenverteidiger hatten große Probleme mit der körperlichen Spielweise von Kruse-Ersatz Belfodil. Er hielt die Bälle und legte sie auf die nachrückenden Delaney und Maximilian Eggestein ab. Beim 2:0 setzte Belfodil sich bei einem Freistoß durch (17.).

Bremen kam besonders in Szenen vor das Tor, in denen sie Mainz auf eine Seite lockten. Die Mainzer rücken innerhalb ihrer Raumdeckung weit zum Ball. Bremen stellte auf der rechten Seite Überzahlsituationen her, um dann mit einer schnellen Verlagerung die offene linke Seite zu bespielen. Florian Kainz konnte gleich zweimal in Szene gesetzt werden, er vergab jedoch beide Male. Auch Eggestein hatte eine große Chance.

Mainz wird offensiver und offensiver

Der Mainzer Trainer Sandro Schwarz hielt auch in der zweiten Halbzeit an seinem System fest. Er schickte jedoch nach und nach offensivere Spielertypen auf das Feld. Am Ende bekleideten mit De Blasis und Alexandru Maxim zwei gelernte Offensivspieler die Doppelsechs. Die Anbindungsprobleme zwischen Defensive und Offensive verbesserten sich mangels Systemumstellung nicht. Mit zunehmender Spielzeit versteiften sich die Mainzer auf lange Bälle.

Bremen verteidigte routiniert, wechselte situativ zwischen 4-4-2, 4-1-4-1 und 5-3-2. Mainz kam selten in den Bremer Strafraum. Man kann den Bremern eigentlich nur zwei Vorwürfe machen: Zum einen nutzten sie die sich bietenden Räume nicht konsequent genug für Konter. Gerade vor der Mainzer Viererkette klafften aufgrund der offensiv auftretenden Doppelsechs große Lücken, in die kein Bremer Spieler hineinstieß. Bremen nutzte zu häufig lange Bälle in Situationen, in denen sie Konter eigentlich hätten ausspielen können.

Zum anderen pennte Bremen in den entscheidenden Situationen. Mainz hatte keine einzige Chance aus dem Spiel heraus nach der Pause. Der Anschlusstreffer fiel nach einem langen, planlosen Ball, den Bremen schlecht verteidigte (70.). Der Ausgleich fiel nach einem Einwurf, bei dem Bremen ohne Not zu weit auf den Flügel herausschob (90.+3). Bremen zerstörte mit diesen Fehlern die gute Leistung. Es zeigt sich: Auch mit einer eigentlich perfekten Taktik ist der Erfolg im Fußball nicht immer planbar.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

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Jiri Pavlenka
Jiri Pavlenka: Bekam in Hälfte eins lange gar nichts zu tun, ehe er plötzlich zweimal im Mittelpunkt stand: Erst mit Unsicherheit bei einer gegnerischen Flanke (25.), dann mit starkem Reflex gegen De Blasis (34.). Bei den Gegentoren ohne Abwehrchance (70.). Note 3 © Gumz
Robert Bauer
Robert Bauer: Der 22-Jährige stand erstmals unter Trainer Kohfeldt in der Startelf. Ihm war die fehlende Praxis in der Anfangsphase anzumerken. Fand hinten rechts in der Viererkette nach und nach besser ins Spiel. Beim Mainzer Anschlusstreffer hätte er aber gerne aktiver sein können, statt nur zuzugucken. Note 4 © Gumz
Milos Veljkovic
Milos Veljkovic: Wechselte sich in der Innenverteidigung mit Moisander zunächst bei der Bewachung von Muto ab – mit Erfolg: Mainz' einzige Spitze blieb blass und wurde nach der Pause ausgewechselt. Veljkovic war gewohnt sicher im Passspiel und ruhig am Ball. Beim 1:2 trifft aber auch ihn eine Mitschuld, weil er das Kopfballduell gegen Berggreen verlor. Note 4 © Gumz
Niklas Moisander
Niklas Moisander: Ein gefährlicher Fehlpass gleich zu Beginn (6.), dann war er lange Zeit wieder der Moisander, den man in Bremen kennt. Solide, unaufgeregt und mit viel Übersicht. Ganz wichtig seine Rettungsaktion gegen Muto zu Beginn der zweiten Hälfte. Sah vor dem 1:2 gegen Torschütze Quaison aber ganz schlecht aus. Note 4 © Gumz (Archiv)
Ludwig Augustinsson
Ludwig Augustinsson: Seine Hereingaben sorgten immer wieder für Gefahr. Führte den Freistoß vor dem 2:0 aus. In Halbzeit eins oft im Vorwärtsgang unterwegs, weil er in der Defensive erst nach dem Wechsel mehr gefordert wurde. Dann in der Schlussminute aber mit der entscheidenden Unaufmerksamkeit, als er Frei entwischen ließ. Note 4 © nordphoto
Philipp Bargfrede
Philipp Bargfrede (bis 65.): Sofort hellwach – und Torschütze: Stark, wie überlegt er beim 1:0 abschloss (2.). Spielte mit großem Einsatz. Auch wenn ihm nicht immer alles gelang: Einmal mehr wurde deutlich, dass Werder mit ihm auf dem Platz einfach besser ist. Musste mit Oberschenkelproblemen vom Platz. Note 2 © Gumz 
Theodor Gebre Selassie
Theodor Gebre Selassie: Spielte im rechten Mittelfeld und rückte dort weit mit nach vorne – allerdings ohne dabei Gefahr auszustrahlen. Insgesamt aber ein ordentlicher Auftritt. Note 3,5 © nordphoto
Maximilian Eggestein
Maximilian Eggestein: Pech, dass sein Schuss in der 26. Minute noch von Mainz-Keeper Zentner abgewehrt wurde – es wäre das sichere 3:0 gewesen. Erneut viel unterwegs. Sorgte mit klugen Pässen für Ordnung. In der 54. Minute zu verspielt, als er im Strafraum ins Dribbling ging, anstatt sofort abzuschließen. Note 3 © nordphoto
Thomas Delaney
Thomas Delaney: Stark, wie er den Ball vor dem 1:0 von Latza eroberte. In den Zweikämpfen sehr clever, setzte seinen Körper immer wieder gut ein. Auch am zweiten Werder-Tor direkt beteiligt: Leitete einen Augustinsson-Freistoß per Kopf auf Belfodil weiter. Note 2,5 © Gumz
Florian Kainz
Florian Kainz (bis 76.): Vor der Pause einer der auffälligsten Bremer, weil an nahezu jeder gefährlichen Offensivaktion beteiligt. Hätte bei seinen Chancen (7./21./32.) aber durchaus ein Tor machen dürfen. Baute nach der Pause ab. Note 4 © Gumz
Ishak Belfodil
Ishak Belfodil (bis 90.+2): Nach seiner Einwechslung in Leverkusen noch schwach, dieses Mal in der Startelf – und bärenstark! Als einzige Sturmspitze körperlich enorm präsent, entwickelte große Wucht, so wie bei seiner Kopfball-Bogenlampe zum 2:0 (17.). Tauchte im zweiten Durchgang etwas ab, weil die gesamte Bremer Offensive nicht mehr so zur Geltung kam. Hätte aber trotzdem fast das 3:1 per Kopf erzielt (83.). Note 2,5 © nordphoto
Jerome Gondorf
Jerome Gondorf (ab 65.): Kam für den angeschlagenen Bargfrede und warf sich gleich in die Zweikämpfe. Note - © Gumz
Izet Hajrovic
Izet Hajrovic (ab 76.): Sein Auftrag war klar: In der Schlussphase für dringend benötigte Entlastung sorgen. Das gelang ihm nicht. Note - © dpa
Lamine Sane
Lamine Sane (Mitte, ab 90.+2): Kam, um Zeit von der Uhr zu nehmen. Note - © nordphoto

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