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Bremens Leistung nach der Pause war äußerst ansprechend. Kainz und Delaney unterstützten die Angreifer, Bartels konnte dadurch seine Beweglichkeit und Geschwindigkeit besser ausspielen.

Taktikanalyse

Bremens Defensive und Offensive funktionieren – nur nicht gleichzeitig

Wie gegen Wolfsburg zeigte Bremen beim 0:0 gegen Freiburg eine defensive und eine offensive Halbzeit. Die offensive Halbzeit weiß mehr zu gefallen, meint unser Taktikexperte.

Es scheint das neue große Ding zu sein bei Werder Bremen: zwei völlig unterschiedliche Halbzeiten spielen. Schon gegen Wolfsburg brauchten die Bremer 45 Minuten, um wirklich ins Spiel zu finden. Beim 0:0 gegen den SC Freiburg plagten Werder ähnliche Probleme: Erst als sie nach einer zaghaften ersten Halbzeit einen Gang hoch schalteten, konnten sie Streichs Freiburger dominieren.

Streich stellt seine Mannschaft gut ein

Alexander Nouri knüpfte mit seiner Startelf an die gute zweite Halbzeit von Wolfsburg an. Philipp Bargfrede und Ishak Belfodil, unter der Woche zur Halbzeit eingewechselt, starteten von Beginn an. Einzig der wieder genesene Niklas Moisander rückte gänzlich neu in die Elf. Bremen begann also im bekannten 5-3-2, interpretierte dieses System zunächst aber eher defensiv. Die Absicherung stand im Vordergrund.

Freiburgs Trainer Christian Streich betreibt nach eigener Angabe zehn bis fünfzehn Stunden Videoanalyse pro Woche – und das spürt man auch. Streich stellte seine Mannschaft clever ein: Freiburg startete mit einem 5-2-3-System. Die drei Angreifer liefen Bremens Dreierkette an. Gerade in der Anfangsphase hielt Freiburg den Druck hoch. Sobald Bremen jedoch die erste Pressinglinie überspielte, zog Freiburg sich in einem engen 5-5 an den eigenen Strafraum zurück. Sie schlossen dabei die Schnittstellen. Bremen spielte viele Querpässe, kam aber nicht an diesem Konstrukt vorbei.

Offensiv versuchte Freiburg, Räume hinter Gebre Selassie zu öffnen. Freiburgs gesamtes Spiel war linkslastig: Linksverteidiger Christian Günter rückte weit vor, Außenstürmer Marco Terrazzino hielt seine Position auf Linksaußen. Freiburg versuchte, nach Balleroberungen sofort über den linken Flügel zu kontern.

Freiburgs Formation war nach links verschoben, um in die Räume hinter Gebre Selassie zu gelangen.

Bremen rückt erst nach der Pause vor

Diese Strategie ging nur vereinzelt auf. Bremen griff nämlich nur mit angezogener Handbremse an: Die Außenverteidiger rückten nicht bis an die letzte Linie vor, die Dreierkette blieb in der eigenen Hälfte. Auch das Mittelfeld rückte zwar auf die Flügel, selten aber in die letzte Linie.

Lange Diagonalbälle oder direkte Pässe auf Stürmer Belfodil sollten Raumgewinn bringen. Doch im Anschluss fehlte die Unterstützung, um diese Bälle weiterzuverarbeiten. Bremen war eben ganz darauf bedacht, nach Ballverlusten ins Gegenpressing zu gelangen und danach schnell wieder in die eigene 5-3-2-Ordnung zurückzukehren. So blieben Großchancen auf beiden Seiten Mangelware.

Defensive hui, Offensive pfui: Werders bisheriges Saison-Motto traf auch auf die erste Halbzeit zu. Doch nicht auf die zweite. Nouri stellte weder System noch Personal um. Dennoch kam eine gänzlich andere Bremer Mannschaft aus der Kabine.

Hohe Dreierkette, aggressive Außenverteidiger

Werders gesamtes Positionsspiel verlagerte zehn bis fünfzehn Meter weiter nach vorne: Die beiden äußeren Innenverteidiger rückten in die gegnerische Hälfte, die Außenverteidiger bis an die gegnerische Fünferkette. Florian Kainz und Thomas Delaney sprinteten abwechselnd in die Tiefe. Bremen versprühte wesentlich mehr Präsenz in der gegnerischen Hälfte.

Vor allem gegen den Ball war Bremens Spiel nun wesentlich aggressiver. Kainz rückte im Pressing zu den beiden Stürmern, Bremen lief Freiburgs Dreierkette mannorientiert mit drei Mann in einem 3-4-3 an. Nach Ballverlusten rückten im Gegenpressing sogar die Innenverteidiger nach vorne, um den Ball sofort wieder zurückzuerobern. Das war riskant, war aufgrund der guten Feldaufteilung aber lange Zeit erfolgreich. Freiburg kam kaum mehr aus der eigenen Hälfte.

Erst in den letzten zwanzig Minuten befreite sich Freiburg wieder öfter. Die Freiburger stellten nun häufiger 5-3-2-Staffelungen gegen den Ball her, standen dadurch im Zentrum kompakter. Bremen verlor wiederum diese Kompaktheit: Wenn Delaney oder der eingewechselte Izet Hajrovic nach vorne starteten, klaffte eine große Lücke im Mittelfeld. Freiburg startete von hier immer wieder Konter.

Zweite Halbzeit macht Hoffnung

Dennoch: Bremens Leistung nach der Pause war äußerst ansprechend. Kainz und Delaney unterstützten die Angreifer hervorragend, Bartels konnte dadurch seine Beweglichkeit und Geschwindigkeit besser ausspielen. Auch Niklas Mosanders passgenaue lange Bälle beflügelten das Bremer Spiel – solche Pässe fehlten zuletzt. Bei besserer Chancenverwertung wären durchaus drei Punkte drin gewesen.

Bremen hat einen funktionierenden defensiven und einen funktionierenden offensiven Ansatz. Nun müsste Nouri nur noch beide Ansätze verbinden und einen Mittelweg finden – damit das kommende Spiel nicht erneut aus zwei völlig unterschiedlichen Hälften besteht.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

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