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Werder-Trainer Alexander Nouri muss sich gegen Wolfsburg und Freiburg etwas Neues einfallen lassen.

Taktikanalyse zur Werder-Niederlage gegen Schalke

Toreverhindern ist nicht das Problem, sondern das Toreschießen

Bremen - Von Tobias Escher. Der Eindruck bestätigt sich: Alexander Nouri setzt in dieser Saison auf eine stabile, mannorientierte Defensive. Dafür opfert er offensive Durchschlagskraft, wie es sich gegen Schalke einmal mehr zeigte.

Spiele gegen Werder Bremen waren immer dankbar: für die Zuschauer, für die Werder-Fans, in den letzten Jahren aber auch zunehmend für Werders Gegner. Denn Werders Mannschaft hatte einen gewissen Ruf: Sie spielten offensiven Fußball, mit Mut und ohne Fesseln. In den vergangenen Jahren sah man die Kehrseite dieser Medaille: Bremen avancierte zur Schießbude der Liga.

Nach nunmehr vier Bundesliga-Spieltagen lässt sich deutlich erkennen: Die Werder-Mannschaft dieser Saison hat ein gänzlich anderes Gesicht. Vorbei sind die Zeiten des Hurra-Fußballs. Plakativ könnte man sagen: Werder Bremens Spiel ist höchst unangenehm – für den Gegner, aber auch für die eigenen Stürmer.

Mannorientierungen setzen den Gegner matt

Eine der wesentlichen taktischen Leitlinien von Nouri scheinen die Mannorientierungen zu sein. Einfach ausgedrückt: Seine Mannschaft soll den Gegnern auf den Füßen stehen. Dazu soll jeder Werder-Spieler einen gegnerischen Spieler in Deckung nehmen. Egal, wohin der Gegner den Ball spielt, es soll stets ein Werderaner im Schatten des Ballführenden lauern.

Um dies zu ermöglichen, passt Nouri seine Mannschaft von Spiel zu Spiel an den Gegner an – zumindest in der Defensive. Gegen Schalkes 3-4-3-System bedeutete dies, dass Florian Kainz eine aggressivere Rolle einnahm als beim 1:1 gegen Hertha. Er rückte aus dem nominellen 5-3-2-System der Bremer immer wieder nach vorne, um die gegnerische Dreierkette unter Druck zu setzen. Nouri erreichte damit sein Ziel: Überall auf dem Feld entstanden Mannorientierungen (siehe Grafik).

Bremen stellt aus dem 5-3-2-System Mannorientierungen her, das bedeutet: Jeder Werderaner deckt einen Gegenspieler.

Intensive Duelle, aber chancenarm

Dies ist für den Gegner höchst unangenehm: Er steht schon bei der Balleroberung unter Druck und findet in der Folge keine Anspielstationen. Da Werder von Beginn weg diese Mannorientierungen auf dem ganzen Feld ausübte, blieb keine Zeit zum Verschnaufen. Und da auch Schalke die gegnerische Dreierkette mannorientiert anlief, entstand ein hochintensives Duell, bei dem beide Teams früh pressten.

Das ist gewissermaßen die Kehrseite des Bremer Spiels: Dadurch dass Bremen den Gegner in gewisser Weise spiegelt, kann dieser ebenfalls schnell zu Mannorientierungen übergehen. Direkte Duelle auf dem ganzen Feld sind die Folge, offensiv wie defensiv. Dies geht zulasten der Genauigkeit; Raumgewinn erzielten beide Teams selten. Es ist kein Zufall, dass bislang in sämtlichen Bremer Spielen Chancen aus dem Spiel Mangelware blieben. Und es ist auch kein Zufall, dass Schalke und Bremen sämtliche Tore nach Standards erzielten.

Weg nach vorne bleibt das Problem

Bremen mangelt es derzeit an kreativen Wegen, die entstehenden Mannorientierungen des Gegners zu bespielen. Schalke-Trainer Domenico Tedesco lieferte eine Idee: Die Außenstürmer ließen sich immer wieder fallen und versuchten damit, Bremens Innenverteidiger aus der Kette zu ziehen. Leon Goretzka stieß in die entstehenden Lücken hinter Bremens Abwehr. Doch Schalke spielte unter dem hohen Druck des Bremer Mittelfelds die Pässe hinter die Abwehr zu ungenau.

Bei Bremen fehlten diese abgestimmten Bewegungen, nachdem Max Kruse frühzeitig ausgewechselt werden musste. Erst in der zweiten Hälfte kamen sie besser nach vorne. Der eingewechselte Stoßstürmer Ishak Belfodil wich immer wieder auf die rechte Seite aus, suchte die Freiräume hinter Schalkes Außenverteidiger Bastian Oczipka. Die größten Chancen für Werder entstanden auf dieser Seite, sobald Belfodil an die Grundlinie geschickt wurde. Zu wenig, um Schalke permanent unter Druck zu setzen.

Werder Bremen vs. Schalke 04

Max Kruse bleibt nach dem Duell mit Thilo Kehrer am Boden liegen und muss in der 19. Minute verletzt ausgewechselt werden.
Max Kruse bleibt nach dem Duell mit Thilo Kehrer am Boden liegen und muss in der 19. Minute verletzt ausgewechselt werden. © nordphoto
Max Kruse bleibt in der 19. Minute verletzt am Boden leiegen: Ludwig Augustinsson und Florian Kainz sind sofort zur Stelle.
Max Kruse bleibt in der 19. Minute verletzt am Boden leiegen: Ludwig Augustinsson und Florian Kainz sind sofort zur Stelle. © nordphoto
Lamine Sané schießt Werder in der 20. Min zum 1:0.
Lamine Sané schießt Werder in der 20. Min zum 1:0. © nordphoto
Ishak Belfodil kam in der 19. Minute für den verletzten Max Kruse. Hier im Duell mit Ex-Bremer Naldo.
Ishak Belfodil kam in der 19. Minute für den verletzten Max Kruse. Hier im Duell mit Ex-Bremer Naldo. © nordphoto
Fin Bartels im Duell mit Thilo Kehrer.
Fin Bartels im Duell mit Thilo Kehrer. © Gumz
Thilo Kehrer foult Ludwig Augustinsson und sieht gelb von Schiri Brand.
Thilo Kehrer foult Ludwig Augustinsson und sieht gelb von Schiri Brand. © nordphoto
Florian Kainz im Duell Amine Harit.
Florian Kainz im Duell Amine Harit. © Gumz
Das Bild sagt alles: Eigentor von Milos Veljkovic, dahinter Lamine Sané und Thomas Delaney.
Das Bild sagt alles: Eigentor von Milos Veljkovic, dahinter Lamine Sané und Thomas Delaney. © nordphoto
Max Kruse geht verletzt vom Platz und auf dem direkten Weg ins Krankenhaus. Verdacht auf Schlüsselbeinbruch.
Max Kruse geht verletzt vom Platz und auf dem direkten Weg ins Krankenhaus. Verdacht auf Schlüsselbeinbruch. © nordphoto
Schiri Benjamin Brand mit einer soliden Leistung.
Schiri Benjamin Brand mit einer soliden Leistung. © nordphjoto
Mannschaft
Mannschaft © nordphjoto
Thomas Delaney im Duell mit Benjamin Stambouli.
Thomas Delaney im Duell mit Benjamin Stambouli. © nordphjoto
DFB-Präsident Reinhard Grindel (re.) mit Dieter Burdenski.
DFB-Präsident Reinhard Grindel (re.) mit Dieter Burdenski. © Gumz

Nouri wechselt (nicht)

Eine weitere Nouri-Eigenheit: Er wechselt äußerst spät (die verletzungsbedingte Auswechslung von Kruse in der 19. Minute einmal ausgenommen). Er hält lange an seiner ersten Elf fest, auch um die defensive Statik nicht zu gefährden. Doch er verpasst es somit auch, den Gegner vor neue taktische Aufgaben zu stellen oder auffallende Schwachstellen zu attackieren. Als Nouri nach dem 1:2 (83.) Izet Hajrovic brachte und damit auf ein 4-2-4 umstellte, war es für Tedesco ein Leichtes, selbst auf ein 5-4-1 umzustellen – er hatte ja gerade die Führung erzielt und eine Bremer Umstellung auf Totaloffensive erwartet. Damit konnte Schalke die Flügel besser absichern, die Bremen eigentlich attackieren wollte.

Das taktische Fazit nach der Niederlage gegen Schalke fällt dementsprechend unterschiedlich aus, je nachdem, welchen Bereich man hervorheben möchte. Optimisten können betonen, dass es erneut gelungen ist, einen individuell stärkeren Gegner durch intensive Mannorientierungen mattzusetzen. Pessimisten werden bemerken, dass Bremen bislang aus dem Spiel kaum Gefahr erzeugt. 40 Prozent der Schüsse in dieser Saison kreierten die Bremer nach Standards. Das ist der mit Abstand höchste Wert der Bundesliga.

In der englischen Woche tritt Bremen beim VfL Wolfsburg und gegen den SC Freiburg an. Gegen die taktisch kriselnden Wolfsburger und die individuell unterlegenen Freiburger wird sich zeigen, ob Nouri auch gegen schwächere Gegner etwas einfällt.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

Einzelkritik: Quirliger Kainz - Wundertüte Belfodil

Jiri Pavlenka
Jiri Pavlenka: Zum schnellen Schalker 1:1 hätte es nicht kommen müssen, wenn Pavlenka die Kunst des Herauslaufens besser beherrschen würde. Tut er aber nicht. So blieb der Ball nach verunglückter Faustabwehr „heiß“ und landete schließlich hinter Pavlenka im Tor. Ansonsten blieb der Keeper ohne Fehler. Note 3,5 © nordphoto
Robert Bauer
Robert Bauer: Er nahm Konoplyanka weitgehend aus dem Spiel und agierte solide. Aber beim 1:2 hätte er gedankenschneller sein müssen, Goretzka schlich sich in seinem Rücken weg. Note 3,5 © dpa
Lamine Sane
Lamine Sane: Erst ein Abstauber ins Schalker Tor, dann ein verhängnisvoller Fallrückzieher vor dem eigenen Kasten, der ihm aber nicht zwingend als Fehler ausgelegt werden muss. Sane war der Hauptdarsteller in den turbulenten Minuten 20 bis 22. Als zentraler Innenverteidiger spielte er zuverlässig, gönnte Schalkes Sturmtank Guido Burgstaller kaum Aktionen. In der Schlussphase noch als Stürmer eingesetzt. Note 2,5 © nordphoto
Milos Veljkovic
Milos Veljkovic: Giftig in der Bewachung von Amine Harit, aktiv im Spiel nach vorne: Es war okay, was Veljkovic vor den Augen des serbischen Nationaltrainers bot. Das Eigentor war unglücklich. Note 3 © nordphoto
Theodor Gebre Selassie
Theodor Gebre Selassie (bis 84.): Er war dabei, er spielte mit. Er machte keine großen Fehler, hatte aber auch keine auffälligen Szenen. Kurz: Es war eine typische Theodor-Gebre-Selassie-Leistung. Note 4 © nordphoto
Maximilian Eggestein
Maximilian Eggestein: Ihm unterliefen zwei, drei Fehlpässe, die nicht hätten sein müssen. Eggestein interpretierte die Rolle im defensiven Mittelfeld diesmal noch defensiver als sonst, rückte oft in die Abwehrkette ein. Note 3,5 © nordphoto
Ludwig Augustinsson
Ludwig Augustinsson: Sorgte in der ersten Halbzeit für viel Leben auf der linken Seite. Der Schwede hatte gute Aktionen – unter anderem der Kopfball, der an den Pfosten klatschte und von Sane doch noch veredelt wurde. Dazu die prima Flanke auf Kainz, die fast das 2:1 gebracht hätte. Nach der Pause nicht mehr so auffällig. Note 3 © nordphoto
Florian Kainz
Florian Kainz: Der Österreicher spielte quasi die Rolle eines Zehners. Sehr offensiv, sehr zentral. Kainz trug die Bälle nach vorne, verteilte sie. Dabei war er enorm quirlig. Stark, wie er sich nach Augustinsson-Flanke zum Kopfball in die Luft schraubte. Pech, dass Schalke-Keeper Fährmann gerade noch die Hände hochriss und den Treffer verhinderte. Note 2,5 © nordphoto
Thomas Delaney
Thomas Delaney: Seine Serie mit Toren in drei aufeinanderfolgenden Spielen für die dänische Nationalelf und Werder ist beendet. Delaney war auch nicht der Mann, der die Partie prägte. Er machte seinen Job im Mittelfeld, ohne zu überraschen. Note 3,5 © nordphoto
Fin Bartels
Fin Bartels: Sehr fleißig, sehr laufstark, aber genau genommen brachte Bartels kaum eine Aktion erfolgreich zu Ende. Bezeichnend war, dass bei der aussichtsreichen Zwei-gegen-eins-Situation der Pass auf Belfodil nicht ankam (40.). Schwach auch der Abschluss nach Belfodil-Vorlage (60.). Note 4,5 © Gumz
Max Kruse
Max Kruse (bis 19.): Der große Pechvogel. Kruse brach sich bei einem Foul von Schalkes Thilo Kehrer das Schlüsselbein, fällt nun acht Wochen aus. Note - © nordphoto
Ishak Belfodil
Ishak Belfodil (ab 19.): Kam für Kruse und so zu seiner Heimpremiere im Weserstadion. Belfodil wirkte oft schwerfällig, fast träge. Aber dann kamen doch Aktionen heraus, die man nicht erwartet hätte. Zweimal setzte er sich stark in Szene. Ein paar Bälle versprangen ihm aber auch. Note 3,5 © Gumz
Izet Hajrovic
Izet Hajrovic (ab 84.): Bundesliga-Comeback nach neun Monaten Verletzungspause. Hajrovic fiel aber nur noch durch Meckern auf, wofür er „Gelb“ kassierte. Note - © nordphoto
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