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Das Hauptaugenmerk im Spiel von Werder-Trainer Alexander Nouri lag auf der defensiven Stabilität.

Taktik-Analyse

Werder düpiert auch Schalke: Wenn ein Team funktioniert

Bremen - Von Cedric Voigt. Langsam wird es unheimlich. Alexander Nouris Bremer lassen sich auch von Schalke 04 nicht davon abhalten, die derzeitige Erfolgsserie auszubauen. Die Taktik-Analyse.

Humorlos, effektiv und souverän schickt Werder die Gelsenkirchener mit 3:0 zurück in den Ruhrpott – und zeigt wieder einmal deutlich auf, wer der Star ist, dem Werder den aktuellen Höhenflug wirklich zu verdanken hat. Zur Beruhigung nach den jüngsten Meldungen aus dem Bremer Lazarett: Thomas Delaney ist es nicht.

Der Däne, überragender Mann beim Erfolg gegen Freiburg und zweifellos ein großartiger Neuzugang mit zahlreichen Qualitäten, konnte gegen Schalke nur eine Halbzeit lang mitwirken. Als Teil des flexiblen Dreiecks im Bremer Mittelfeld, tief und zentral hinter Florian Grillitsch und Zlatko Junuzovic, spielte Delaney eine unauffällige, solide Partie, ehe er nach einem Muskelfaserriss zur Pause durch Maximilian Eggestein ersetzt werden musste.

Nouris System erscheint wie aus einem Guss

Tatsächlich muss eine der abgedroscheneren Phrasen des Fußballgeschäftes her, um die Ursache des aktuellen Bremer Erfolges zu beschreiben: Der Star ist nämlich ganz offenbar das Team. Auf drei Positionen in der Startelf verändert hatte Werder weiterhin kein Problem, die mannschaftlichen Abläufe der letzten Wochen abzurufen. Sowohl in der Defensivarbeit als auch im Angriff, besonders im Umschaltspiel, erscheint das System der Grün-Weißen dieser Tage wie aus einem Guss.

Die Basis des Erfolgs legt Werder dafür weit hinten, in der Fünferkette. Auch gegen Schalke verbuchten die Bremer deutlich weniger Ballbesitz als der Gegner – unterm Strich stand ein Verhältnis von 40:60, als Heimmannschaft mit herausragendem Lauf. Tatsächlich ist diese Ausrichtung jedoch einer der Gründe, warum Werder derzeit zu Resultaten kommt: Die letzten Partien mit Ballbesitzhoheit waren die gegen Gladbach und Augsburg, als spielerische Fortschritte bereits erkennbar waren, defensiv jedoch das hohe Aufrücken auch der Defensivspieler leicht attackiert werden konnte.

Die Abwehr mit Niklas Moisander (l.) und Milos Veljkovic ließ Schalke nicht zur Entfaltung kommen.

Gegen die Gäste in Königsblau zeigte sich exemplarisch, was sich seit damals bei Werder verändert hat: Die Ambition, selbst das Spiel zu machen und den Ballbesitz zu dominieren, wurde vertagt. Niklas Moisander, der nominell aufbaustärkste Bremer Verteidiger, hatte nach 90 Minuten die wenigsten Ballkontakte derer, die durchspielen durften. Das lag einerseits daran, dass der zentrale Innenverteidiger in der Dreierkette – eigentlich die Rolle des verletzten Lamine Sane – seltener aktiv für einen Ballgewinn herausrückt als seine Nebenmänner und auch im Aufbauspiel eine kleinere Rolle spielt. Vor allem aber zeigte es, dass Alexander Nouris Matchplan eine andere Strategie vorsah, als aus der Tiefe heraus das Spiel zu machen.

Das ließ Werder stattdessen die Schalker übernehmen. Markus Weinzierl setzte dafür auf ein 4-2-3-1 mit klarer Rollenverteilung: Benjamin Stambouli sollte als tiefer Sechser im Aufbau Sicherheit geben und Bälle verteilen, Leon Goretzka agierte daneben als Achter weiträumiger und mit mehr attackierenden Bällen in die Spitze. Im Angriff der Schalker gab es eine gewisse Asymmetrie: Offenbar versuchte Weinzierl, aus dem Ausfall von Defensivspezialist Robert Bauer Kapital zu schlagen, und bot Daniel Caligiuri hinter Alessandro Schöpf als Rechtsverteidiger auf.

Timing und Raumaufteilung lassen Schalke kaum Lücken

Der gelernte Flügelstürmer konnte enorm hoch agieren, da mit Benedikt Höwedes ein laufstarker und aufmerksamer rechter Innenverteidiger für ihn absicherte. Auch Goretzka unterstützte vornehmlich die rechte Seite im Halbraum. Im Sturm versuchte Guido Burgstaller, sich mit Läufen in die Tiefe in Position zu bringen, während Eric-Maxim Choupo-Moting vom linken Flügel entweder in den Strafraum einstartete oder versuchte, sich mit seinen Fähigkeiten im Dribbling in Unterzahl gegen die Bremer Defensive zu behaupten. Max Meyer war als Zehner viel unterwegs und bemühte sich nach Kräften, die Fäden der Schalker Offensive zu verknüpfen.

Das gelang mehr schlecht als recht: Durch die Überzahl in der letzten Linie und die abwartende Ausrichtung entstanden für Schalke kaum bespielbare Lücken. Viele Abschlüsse erfolgten aus der Distanz oder ungünstigen Winkeln. Schnittstellenpässe durch das Mittelfeld konnten von den Innenverteidigern abgelaufen werden, das Timing der Außenverteidiger im Aufrücken wirkte deutlich besser abgestimmt als noch zu Jahresbeginn und die Raumaufteilung im Mittelfeldzentrum sorgte dafür, dass Werder Schalke auch in dieser Zone neutralisieren konnte.

Gebre Selassie, Kruse und Eggestein erlegen Schalke

Überhaupt war es interessant, den Rotationen im Bremer Mittelfeld zuzusehen: Wenn Grillitsch oder Junuzovic aufrückten und Claudio Pizarro und Max Kruse im Pressing unterstützen wollten, ließ sich der jeweils andere etwas zurückfallen, um Thomas Delaney dabei zu helfen, den entstehenden Raum zu schließen. Wenn die Schalker im frühen Aufbau ihre Außenverteidiger ins Spiel einbinden wollten, rückte der Achter mit auf den Flügel und übte Druck aus, um dem eigenen Außenverteidiger zu ermöglichen, tief abzusichern und den Schalker Flügelstürmer zu übernehmen. Das übrige zentrale Mittelfeld verschob entsprechend mit. Und wenn es die Gäste durch die Mitte versuchten, orientierten sich die Bremer klassisch mannorientiert an ihren Gegenspielern, ließen sich jedoch nicht aus der Position ziehen, sondern nahmen die Schalker Offensivleute nur dann aus dem Spiel, wenn sie sich anspielbar und sinnvoll positioniert hatten.

Das Hauptaugenmerk lag also auf der defensiven Stabilität – und von einigen Halbchancen der Schalker abgesehen, die bei der hohen Präsenz der Gäste in der Bremer Hälfte auch kaum zu vermeiden sind, konnte diese gerade im ersten Spielabschnitt auch gewährleistet werden. Offensiv startete Werder jedoch ähnlich mau: Häufig endeten die zunächst sauber weitergeleiteten Umschaltangriffe auf den Flügeln, wo Theodor Gebre Selassie und Santiago Garcia zwar passend aufrückten, allerdings auch recht einfach zu isolieren waren. Mit der Hereinnahme von Claudio Pizarro für Fin Bartels schien es Werder offensiv zunächst auch mehr darum zu gehen, den Ball zu sichern, als früh viele Läufe in die Spitze zu unternehmen.

Maximilian Eggestein belohnte sich für eine aufmerksame Leistung mit einem Tor.

Abhilfe schaffte wie so oft in den vergangenen Wochen ein Standard: Quasi aus dem Nichts stellte Gebre Selassie nach einer Halbfeldflanke Junuzovics auf 1:0 für Werder – ein so gewohntes wie angenehmes Resultat, mit dem es auch in die Pause ging. Nach dem Seitenwechsel rückte Schalke wie zu erwarten höher auf, besonders über die rechte Seite versuchten die Gäste weiterhin, Druck aufzubauen und in den Strafraum zu gelangen.

Entsprechend öffneten sich so jedoch Räume für Konter. Die Wechsel eine halbe Stunde vor Schluss verstärkten diesen Effekt nur noch: Mit Bartels für Pizarro brachte Alexander Nouri einen Konterspezialisten, der auch direkt für mehr Gefahr sorgte, während Markus Weinzierl mit Yevgen Konoplyanka für Choupo-Moting einmal positionsgetreu wechselte und mit Klaas-Jan Huntelaar für Max Meyer einen weiteren robusten, abschlussstarken Angreifer zu Burgstaller in die Spitze stellte.

Wenn es hektisch wird, bleibt Werder souverän

So entwickelte sich eine offene Partie mit mehr Tempo als im ersten Durchgang, als die Teams sich weitestgehend gegenseitig neutralisierten. Gerade den Schalkern fehlten jedoch gegen Ende gegen disziplinierte Bremer mehr und mehr die Ideen. Mit dem Elfmetertor durch Kruse war die Partie dann bereits vorentschieden. Maximilian Eggestein belohnte sich wenig später für eine clevere und aufmerksame Leistung sowohl gegen den Ball als auch in der Spieleröffnung, indem er beim abschließenden 3:0 nicht nur beim Ballgewinn gegen Stambouli mithalf, sondern mit einem gut gewichteten Zuspiel und einem intelligenten Laufweg das letzte Bremer Tor sowohl einleiten als auch selbst erzielen konnte.

Es mag nach elf Treffern in den vergangenen drei Spielen merkwürdig klingen, aber die Pointe des Bremer Höhenflugs ist, dass er auf einer enorm starken Defensive basiert. Sowohl im Mittelfeld als auch in der Abwehr verbessern sich die Abläufe von Spieltag zu Spieltag – und es scheint fast egal zu sein, wer die taktische Rolle im stabilen Bremer Gerüst ausfüllt. Alexander Nouri spricht bei so etwas gerne von „Prinzipien“. Derzeit scheint es, als hätte der komplette Kader diese Prinzipien verinnerlicht.

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