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Werder setzte den Fokus gegen Hoffenheim total auf Defensive. Offensivaktionen waren da nur die absolute Ausnahme.

Nach dem Pokalsieg gegen Hoffenheim

Taktik-Analyse: So hat Nouri die Defensiv-Schlacht gewonnen

Bremen - Alexander Nouri führte auch im Pokal die eigene Linie weiter und fokussierte sich in erster Linie auf defensive Stabilität. Warum das gegen Hoffenheim aufging, erklärt unser Taktikexperte Tobias Escher.

Eine der vielen Freuden des DFB-Pokals ist die Tatsache, dass dies der einzige Wettbewerb ist, indem Teams aus verschiedenen Ligen aufeinandertreffen können. Duelle zwischen David und Goliath haben ihren ganz eigenen Reiz.

Betrachtet man allein die Statistik, könnte man glauben, im Weserstadion fand am Mittwochabend ein solches Duell Klein gegen Groß statt: 69 zu 31 Prozent Ballbesitz, 514 zu 166 angekommene Pässe, 16 zu 6 Torschüsse. Was wie das Duell David gegen Goliath klingt, war letztlich nur der aufopferungsvolle Pokalfight einer mauernden Bremer Mannschaft. Mit defensiver Taktik, aufopferungsvollem Spiel gegen den Ball und einer Portion Glück bezwang „David“ Bremen den „Goliath“ aus Hoffenheim.

Defensive Aufstellung von Nouri

Nouri richtete seine gesamte Elf auf defensive Stabilität aus. Das fing schon bei der Aufstellung an: Zwar hielt Nouri am 4-4-1-1-System fest, das er in Köln erstmals von Anfang an zum Einsatz brachte. Dort agierten die Bremer offensiver als im zuvor praktizierten 5-3-2-System. Gegen Hoffenheim besetzte Nouri jedoch so gut wie jede Position mit dem defensivst möglichen Spielertypen.

Dieses Prinzip zeigte sich vor allem auf den Außenbahnen: Theodor Gebre Selassie und Ludwig Augustinsson, am Wochenende noch als Außenverteidiger im Einsatz, starteten nominell als Außenstürmer. Die defensiveren Spielertypen Robert Bauer und Ulisses Garcia übernahmen die Außenverteidiger-Positionen. Damit war Bremen besonders auf dem Flügel stark defensiv eingerichtet.

Bremen wollte offensichtlich jegliche Durchbrüche der Hoffenheimer über die Flügel verhindern. Diese starteten mit Julian Nagelsmanns favorisiertem 5-3-2-System. Die Außenverteidiger Steven Zuber und Lukas Rupp sollten bei Angriffen weit mit nach vorne rücken, wurden aber von den Bremer Außenspielern eng verfolgt. Teilweise ließen sich Selassie und Augustinsson dabei in die Abwehrreihe fallen, sodass eine Fünfer- oder gar eine Sechserkette entstand.

Hoffenheim zerschellt am Bremer Defensivblock

Die Partie glich damit von Beginn weg einem klassischen David-gegen-Goliath-Duell: Bremen überließ den Hoffenheimern den Ball und fokussierte sich auf Konter. Mit langen Bällen sollte Stürmer Ishak Belfodil gefüttert werden. Alternativ versuchte Bremen, auf dem Flügel über Doppelpässe an die Grundlinie zu gelangen. Dabei achteten sie penibel darauf, nie ihre defensive Stabilität zu verlieren. Selten gingen mehr als vier Spieler in die gegnerische Hälfte, die Außenverteidiger verblieben praktisch die ganze Spielzeit in der Defensive.

Hoffenheim hatte liebe Mühe, das Bremer Konstrukt zu knacken. Das lag einerseits an der Bremer Defensivstärke: Die Abwehr schob nah an das Mittelfeld, die Doppelsechs wiederum attackierte Hoffenheims Mittelfeldspieler. Es gab keine Räume zwischen den Linien, Bremen agierte zweikampfstark im Zentrum. Gegen dieses Konstrukt hatte Hoffenheim seine liebe Mühe.

Andererseits agierte Hoffenheim weniger kreativ, als man es von Nagelsmanns Elf gewohnt ist. Sie spielten die Pässe aus der Abwehr häufig überhastet ins Angriffsdrittel, versuchten Pässe in die Spitze zu erzwingen. Die TSG-Abwehr legte sich den Gegner nicht wirklich zurecht. Obwohl Bremen nur selten effektiv Druck im Pressing ausübte, spielten die Hoffenheimer nur selten Verlagerungen. Die Pässe ins letzte Drittel waren oft nicht gut vorbereitet. Bremen hatte wenig Mühe, die Angriffsbemühungen der Hoffenheimer in Schach zu halten.

Erste Chance entscheidet die Partie

Bremen benötigte nur einen Eckball, um die Partie zu entscheiden. Auch nach Belfodils Tor (30.) blieb die Spieldynamik dieselbe: Hoffenheim lief an, Bremen verteidigte aufopferungsvoll. Selbst Nagelsmanns Umstellungen sorgten nicht für mehr Offensivgefahr auf Hoffenheimer Seite. Zunächst beorderte dieser Rupp nach der Halbzeitpause ins Mittelfeld, Pavel Kaderabek kam als Rechtsverteidiger. Rupp sollte mehr Läufe aus dem Mittelfeld in die Spitze einstreuen, bekam aber wenig Zuspiele. Später stellte Nagelsmann auf ein 3-4-3-System mit drei echten Spitzen um.

Einzelkritik: Pavlenkas Parade bringt Werder ins Ziel

Nouri blieb hingegen seinem System treu und wechselte positionsgemäß. Mit der Zeit ließ Bremen sich etwas tiefer fallen, die Abwehr rückte seltener nach vorne. In der Schlussphase begann somit eine wahre Abwehrschlacht. Hoffenheim warf alles nach vorne, jagte Ball um Ball in den Strafraum. Einmal musste Jiri Pavlenka mit einer Glanzparade eingreifen, ansonsten blieb Hoffenheim weitestgehend harmlos. Zu wenige ihrer Bälle fanden einen Abnehmer.

Bremen kann sich über den ersten Sieg in dieser Saison gegen einen Bundesligisten freuen. Trotz unorthodoxer Aufstellung und neuem System bleibt das Fazit dasselbe wie bereits in der ganzen Saison: Defensiv war die Leistung mehr als ordentlich, offensiv hingegen fehlten Bremen taktische Ideen und Mut. Das war angesichts der Ausgangslage und dem Gegner erwartbar. Gegen Augsburg dürfte am Sonntag aber wieder mehr offensiver Mut gefragt sein.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

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