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Florian Kohfeldt hat Werder Bremen eine „fluide“ Offensive beigebracht.

Nach 1:1 gegen 1899 Hoffenheim

Taktik-Analyse: Die Werder-Offensive beweist Flexibilität

Gegen 1899 Hoffenheim steht Werder defensiv nicht immer stabil. Dafür zeigten die Bremer offensiv eine starke Leistung. Der Grund: Die Offensive war enorm beweglich. Unser Taktikanalyst Tobias Escher seziert die Partie.

Falsche Neun, abkippende Sechs – die Fußballsprache des 21. Jahrhunderts ist voll von seltsamen Wortschöpfungen. Gefühlt alle paar Wochen kommt ein neuer Begriff hinzu. Die Wortschöpfung „Fluidität“ ist eine dieser modernen Fußball-Vokabeln. Werder Bremen hatte im Spiel gegen Hoffenheim jede Menge „Fluidität“.

Kruse omnipräsent, Belfodil füllt Lücken

Was bedeutet diese kryptische Fußball-Vokabel? Sie leitet sich aus dem englischen Begriff „fluid“ ab, was übersetzt „flüssig“ heißt. Eine fluide Offensive befindet sich also im Fluss. Konkreter gesprochen: Die Offensivspieler tauschen ständig die Positionen, es gibt keine feste Rollen.

Bremens Spieler agierten gegen Hoffenheim äußerst „fluide“, allen voran Max Kruse: Der nominelle Stürmer wich immer wieder auf die Flügel aus oder ließ sich fallen. Er versuchte, ständig Bindung an das eigene Aufbauspiel zu erlangen. Damit seine Position im Sturm nicht verwaiste, musste ein anderer Spieler in die Spitze rücken. Diese Rolle kam Ishak Belfodil zu, der nominell als Rechtsaußen im 4-2-3-1 auftrat. Er rückte jedoch häufig in die Spitze.

Die Grafik zeigt die Positionswechsel in der Werder-Offensive. (Klicken für ganzes Bild)

Auch Zlatko Junuzovic beteiligte sich an diesen Rochaden. Er wich von seiner Position im offensiven Mittelfeld auf die rechte Seite aus oder startete in die Tiefe. Bremens Offensivleute agierten also äußerst fluide, mit einer kleinen Ausnahme: Florian Kainz hielt seine Position auf der linken Seite und sorgte für etwas Breite im Spiel.

In der Anfangsphase waren diese Positionswechsel nur zu erahnen. Beide Teams fokussierten sich zunächst darauf, über Ballstaffetten Passsicherheit zu erlangen. Hoffenheims Dreierkette im 3-1-4-2 ließ den Ball ruhig laufen, ohne dass Werder sie aktiv störte. Im Gegenzug konnte auch Bremen das Spiel aus der eigenen Hälfte aufbauen, ohne dass Hoffenheim allzu aggressiv intervenierte. Beide Teams fokussierten sich darauf, das Mittelfeld kompakt zu halten.

Bremer nicht schnell genug in defensive Ordnung

Nach einigen Minuten taute Bremen auf. Die offensiven Spieler begannen, öfter die Positionen zu wechseln. Kruse schaltete sich immer öfter in die eigenen Angriffe ein. Werder kam jetzt mit mehr Schwung in die gegnerische Hälfte. Gerade Kombinationen über die rechte Seite brachten vielversprechenden Raumgewinn. Im eigenen Strafraum hatten die Hoffenheimer mit ihrer defensiven Fünferkette aber einen Größen- und Geschwindigkeitsvorteil.

Während die Positionswechsel frischen Wind in Werders Offensivspiel brachten, sorgten sie defensiv in mancher Situation für Verwirrung. Die Bremer fanden nicht schnell genug in ihre 4-2-3-1-Ordnung zurück. Die Doppelsechs und die Außenverteidiger mussten einige Male herausrücken, um gefährliche Hoffenheimer Konter zu verhindern.

Maximilian Eggestein (hier gegen Hoffenheims Florian Grillitsch) schaltete sich in der zweiten Hälfte häufig in die Offensive ein. Die Tiefe im Spiel tat Werder gut.

Nicht immer gelang dies. Wenn Bremens Doppelsechs aufrückte, überspielte Hoffenheim das Mittelfeld mit langen Bällen und eroberte in der Folge die zweiten Bälle. Wenn die Werder-Außenverteidiger herausrückten, spielten sie konsequent den Ball vom Flügel auf die ausweichenden Stürmer. Hoffenheim konnte sich über diese Angriffsroute zwar nur wenig Torchancen herausspielen, da ihr letzter Pass nicht ankam. Sie sorgten aber dafür, dass sich das Spiel sukzessive in die Bremer Hälfte verlagerte. Der fällige Führungstreffer fiel letztlich nach einem Eckball (39.).

Kohfeldt vertraute auch in der zweiten Hälfte seinem taktischen System. Bremen agierte weiter im 4-2-3-1, rückte aber nun noch weiter nach vorne. Besonders Maximilian Eggestein schaltete sich häufig in die Offensive ein. Teils startete der Sechser sogar bis hinter die gegnerische Abwehr. Die neu gewonnene Tiefe tat dem Bremer Spiel gut, Hoffenheim ließ sich von Werder in die eigene Hälfte drücken. Auch auf Bremer Seite war es ein Eckball, der zum fälligen Tor führte (63.).

Offensive hat großen Sprung nach vorne gemacht

Nach dem Ausgleich spielten beide Mannschaften auf Sieg. Die Einwechslungen veränderten die Systeme nicht, vielmehr waren es die taktischen Rollen der einzelnen Spieler, die nun offensiver ausgerichtet waren. Bei beiden Teams beteiligten sich stets mindestens fünf Spieler am eigenen Angriff. Nach Ballverlusten setzten die Mannschaften energisch nach, doch nicht immer konnten sie Konter verhindern. Es gab zahlreiche gute Konter-Gelegenheiten, oft in Gleichzahl im Fünf-gegen-Fünf, doch beiden Mannschaften fehlte die Präzision im letzten Pass und beim Schuss – eine große Chance vereitelte Pavlenka (64.), auf der anderen Seite rettete der Pfosten.

Bremen macht in der Rückrunde dort weiter, wo sie vor der Winterpause aufgehört haben: Die Offensive hat einen großen Sprung nach vorne gemacht, Bremen zeigte gerade nach der Pause offensiven und aggressiven Fußball. Die zahlreichen Positionswechsel brachten eine neue Facette in das Werder-Spiel, waren defensiv aber nicht immer gut abgesichert. Am Ende war das Unentschieden das verdiente Ergebnis. Man könnte sagen: Es läuft bei Bremen. Oder nach diesem Spiel etwas passender: Alles im Fluss in Bremen.

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Fotostrecke: Werder spielt 1:1 gegen Hoffenheim

Werder Bremen gegen 1899 Hoffenheim
Freundlicher Empfang von Werder-Coach Florian Kohfeldt (r.) für den früheren Bremer und heutigen Hoffenheimer Florian Grillitsch. © Gumz
Werder Bremen gegen 1899 Hoffenheim
Für Serge Gnabry war es die erste Rückkehr ins Weserstadion seit seinem Abschied aus Bremen im Sommer 2017. © nordphoto
Werder Bremen gegen 1899 Hoffenheim
Eine Kerze von Milos Veljkovic bringt Werder-Torwart Jiri Pavlenka ordentlich in Bedrängnis. Hoffenheim kann die Chance nicht nutzen (10.). © nordphoto
Werder Bremen gegen 1899 Hoffenheim
Ansonsten sahen die Zuschauer im Weserstadion eine ziemlich trockene erste Hälfte ohne große Höhepunkte von Max Kruse und Co.. © dpa
Werder Bremen gegen 1899 Hoffenheim
Kurz vor der Pause schlug Hoffenheim dann zu. Nach einer Ecke brachte Gnabry den Ball in den Strafraum - Benjamin Hübner köpfte ein (39.). Hoffenheim führt zur Pause. © nordphoto
Werder Bremen gegen 1899 Hoffenheim
Im zweiten Durchgang glich Werder aus. Ausgangspunkt war erneut eine Ecke. In der Mitte stand Theodor Gebre Selassie richtig und drosch den Ball ins Tor. © nordphoto
Werder Bremen gegen 1899 Hoffenheim
Werder bejubelte den Ausgleich in der 63. Minute. © nordphoto
Werder Bremen gegen 1899 Hoffenheim
Kurz nach dem Ausgleich hätte Hoffenheim beinahe wieder zugeschlagen. Doch mit einer Glanzparade rettete Jiri Pavlenka Werder vor dem schnellen erneuten Rückstand. Die Partie wurde danach wesentlich munterer. Es blieb aber beim 1:1. © dpa

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