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Lamine Sane ging nach der 3:5-Pleite niedergeschlagen zu Boden.

Taktik-Analyse

Werder: Alarmstufe Raute!

Bremen - Von Cedric Voigt. So langsam schimmert sie wieder durch, die alte Werder-DNA: Mit 4-3-1-2-Raute und einer desolaten Defensivleistung gingen Alexander Nouris Bremer im letzten Heimspiel der Saison gegen die TSG Hoffenheim unter. Die Taktik-Analyse.

3:5 hieß es am Ende aus Bremer Sicht – ein erheblicher Dämpfer im Kampf um die immer noch mögliche Qualifikation zur Europa League. Dabei schien die Grundidee nicht verkehrt.

Moisanders Ausfall zwingt Nouri zum Basteln

Ohne den gesperrten Niklas Moisander musste die Bremer Abwehrkette umgebaut werden. Angesichts der ohnehin dünnen Personaldecke in der Innenverteidigung griff Nouri hierfür auf die klassische Viererkette zurück. Robert Bauer auf rechts und Theodor Gebre Selassie auf links sollten etwas tiefer absichern als zuletzt. Davor verzichtete Nouri auf Florian Grillitsch, der womöglich gegen seinen künftigen Arbeitgeber in keinen Interessenskonflikt gebracht werden sollte, und startete mit einem Dreier-Mittelfeld, in dem Thomas Delaney und Zlatko Junuzovic links und rechts vom etwas tiefer agierenden Maximilian Eggestein aufliefen. Offensiv agierte Serge Gnabry als hängende Spitze hinter Max Kruse und Fin Bartels – auf dem Papier ähnelte die Bremer Formation also einer Raute.

Im Prinzip war diese Aufstellung sogar nachvollziehbar: Mit den drei Offensivspielern hätte Werder ein sinnvolles Mittel gegen die typische Hoffenheimer Aufbauformation gehabt. Diese besteht eigentlich aus einer Dreierkette, aus der heraus die Halbverteidiger neben dem zentral absichernden Kevin Vogt über Vertikalpässe ins Mittelfeld eröffnen oder über dosierte Vorstöße Raumgewinn erzielen, während auf der Sechs Sebastian Rudy die Fäden im Hoffenheimer Kombinationsfußball zusammenlaufen lässt. Ein zentraler Mann wie Gnabry hätte sich um Rudy kümmern, die Doppelspitze den Aufbau der Halbverteidiger weg vom Mittelfeld und den Halbräumen auf die leicht isolierbaren Flügel lenken können.

Nagelsmann erahnt den Bremer Plan schon vor Anpfiff

An sich also kein verkehrter Plan – allerdings auch ein recht vorhersehbarer: Nach dem Ausfall Moisanders schien Julian Nagelsmann auf der Hoffenheimer Trainerbank bereits geahnt zu haben, dass Nouri nicht an der üblichen 3-1-4-2-Formation festhalten würde. Das ideale Spielermaterial hierzu gibt der Bremer Kader derzeit schlicht nicht her, Versuche wie mit Ulisses Garcia als Aushilfsinnenverteidiger gingen bereits im Winter schief. Nagelsmann ließ die erwartbare Bremer Anpassung an das Spiel seiner Kraichgauer also ins Leere laufen – und verzichtete selbst auf die Dreierkette.

Stattdessen starteten die Gäste in einem 4-3-3: Statt den Ball tief zwischen drei Innenverteidigern zirkulieren zu lassen, spielten Ermin Bicakcic und Niklas Süle häufig direkt auf die schnellen Außenverteidiger Pavel Kaderábek und Steven Zuber. Rudy rückte auf die linke Achterposition, Vogt mimte die unspektakuläre Anspielstation im Zentrum. Falls es aggressiveres Pressing auf die Innverteidiger aufzulösen galt, wurde Torwart Oliver Baumann mit einbezogen. Die Innenverteidiger fächerten dann etwas breiter auf, die Zuber und Kaderábek rückten vor.

Einzelkritik: Totalausfall bei Delaney und Gnabry

Ein Grundproblem der Raute ist es, den Außenverteidigern des Gegners zu viel Raum zu lassen: Ihnen ist kein klarer Gegenspieler zugeordnet, sie müssen durch konsequentes Verschieben der anlaufenden Stürmer und besonders des Drei-Mann-Mittelfeldes in ihren Möglichkeiten eingeengt und unter Druck gesetzt werden. Derlei mannschaftstaktische Abläufe erfordern allerdings eine größere Eingespieltheit als das relativ mannorientierte Verteidigen, das gegen die Dreierkettenvariante möglich gewesen wäre. So erforderte der neue Hoffenheimer Aufbau gerade von den Bremer Achtern und Außenverteidigern häufig schwierige Entscheidungen: Wann sollten sie auf die Seite oder nach vorne rücken, um Zugriff auf den möglichen Passempfänger zu haben?

Verlagerungen bringen Werder in Verlegenheit

Zum Problem werden sollte gerade die Orientierung der Außenverteidiger nicht nur ballnah, sondern auch auf der gegenüberliegenden ballfernen Seite: Die Kraichgauer agierten mit einer Drei-Mann-Offensive, in der neben dem zentralen Wandspieler Adam Szalai, der oft auch mit langen Bällen gesucht wurde, mit Mark Uth und Andrej Kramaric zwei dynamische und schwer ausrechenbare Offensivallrounder aufliefen. Uth und Kramaric bewegten sich teils als hängende Spitzen etwas zentraler, um sich am schnellen Direktpassspiel der Hoffenheimer zu beteiligen und Ablagen von Szalai aufzunehmen, teils ließen sie sich auf den Flügel fallen, um dort das Orientierungsdilemma der Bremer Außenverteidiger auszunutzen.

So konnte Hoffenheim mit simplen diagonalen Verlagerungen die Bremer Defensivordnung gleich mehrfach aushebeln: Vor dem 2:0 orientierte sich Robert Bauer nach einem Bremer Ballgewinn wieder so hoch wie zuletzt mit der Absicherung durch die Dreierkette. Hoffenheim konnte den Ball jedoch im Gegenpressing zurückgewinnen und Kramaric bedienen, der den Platz, den Bauer ihm so ließ, stark ausnutzte. Vor dem dritten Gegentreffer blieb Bauer dann vorsichtshalber extra tief – so war es ihm nach einer ähnlichen Verlagerung diesmal nicht möglich, den außen durchgelaufenen Zuber zu stellen, der durch das kollektive Verschieben des Bremer Mittelfelddreiecks über Kaderábeks Diagonalball leicht freizuspielen war.

Steven Zuber erzielte den dritten Treffer der Hoffenheimer, weil Robert Bauer zu halbherzig attackierte.

Schon vor diesen nahezu identischen Treffern war Hoffenheim dank der Bremer Unbeholfenheit in Führung gegangen: Serge Gnabry und Thomas Delaney behinderten sich beim Pressing auf Kerem Demirbay in der Hoffenheimer Hälfte gegenseitig, öffneten so das Zentrum und durften sich am Ende auch bei einer verunglückten Klärungsaktion Lamine Sanés bedanken, dass der erste Hoffenheimer Schuss auch das erste Tor bedeutete. Grundsätzlich spielte trotz des offensichtlich besseren Hoffenheimer Matchplans auch eine gute Portion Abschlussglück in die teils enorm hohe Führung: Wo Julian Nagelsmann nach Abpfiff das Potential zu „sieben, acht Toren“ erkannt haben möchte, machte erst eine herausragende Chancenverwertung die fünf Treffer der Gäste möglich.

Bremer Chancen im ersten Durchgang dagegen waren kaum existent: Das dem Bremer Ansatz nicht unähnliche Hoffenheimer Pressing zeigte deutlich mehr Wirkung. Werder konnte weder mit einem Zielspieler für hohe Bälle aufwarten noch den Torhüter in gleicher Weise einbinden. Auch die eigenen Außenverteidiger wurden zwar recht häufig eingebunden, fanden aber seltener spielerische Lösungen.

Das angestrebte Umschaltspiel war durch den frühen Zwei-Tore-Rückstand sowieso obsolet: Im Laufe der ersten Hälfte zog sich Hoffenheim gerne auch tiefer zurück, die Außenstürmer ließen sich dabei bisweilen auf Höhe der Achter fallen. Dementsprechend schwer tat sich Werder – Gnabry als Zehner konnte seine charakteristischen Dribblings kaum einbringen und traf im Passspiel viele falsche Entscheidungen, auch Kruse wurde kaum eingebunden und trat besonders als ordentlicher Pressingspieler gegen nicht immer konzentrierte Hoffenheimer auf den Plan.

Werder flüchtet sich zurück in die Komfortzone

Nach dem Seitenwechsel starteten die Gäste wieder im 3-1-4-2 mit Kramaric als vorstoßendem Achter und Vogt als zentralem Innenverteidiger. Auch Alexander Nouri wechselte wieder auf sein Stammsystem: Behelfsmäßig rückte Bauer in die Dreierkette, während Bartels rechts verteidigte. An der Spieldynamik änderte das zunächst wenig: Nach nur drei Minuten konnten die Hoffenheimer das lasche Bremer Pressing im Mittelfeldzentrum überspielen und Kramaric erneut ins 1-gegen-1 gegen Bauer schicken, aus dem der technisch starke Kroate mit seinem zweiten Treffer des Tages hervorging.

Ein weiteres Indiz dafür, dass die Leistung der ersten Stunde nicht nur am Plan, sondern auch an der Umsetzung gelegen hat: Auch in abgesehen von einzelnen Spielerrollen identischer Formation konnten die wacheren, technisch sauberer agierenden Hoffenheimer Werder recht problemlos kontrollieren und ausspielen, ohne selbst zu einer Glanzleistung gezwungen zu sein. Noch fehlt es an der taktischen Feinarbeit, flexibel zwischen den Formationen zu wechseln und an der Kadertiefe, um einen Schlüsselspieler wie Moisander adäquat zu ersetzen – zwei Problemfelder, die erst im Sommer wirklich nachhaltig angegangen werden können.

Werder vergeigt letztes Saison-Heimspiel

Ohne eine Tagesform, die das ausgleichen könnte, war die schwache Bremer Leistung gegen Julian Nagelsmanns Champions-League-Aspiranten zwar ernüchternd, aber auch folgerichtig. Erst, als das Spiel bereits verloren war, zog Werder noch einmal das Tempo an: Mit der Einwechslung von Philipp Bargfrede und Santiago Garcia für Gnabry und Eggestein näherte man sich weiter der Rollenverteilung des eigentlichen Stammsystems an, Bauer spielte nun wieder als rechter Flügelverteidiger, während Bartels in den Sturm rückte. Da Hoffenheim nicht mehr als nötig tat, um das Spiel einigermaßen zu verwalten, hatte Werder nun auch mehr Zeit, das Spiel in Ruhe aufzubauen und die eigenen Angriffe cleverer auszuspielen.

Die späten Treffer, zwei davon im Anschluss an Bremer Eckbälle, dürften angesichts der Spielumstände ein Muster ohne Wert sein – allerdings auch ein Indiz dafür, dass die Bremer Mannschaft sich unter Nouri in der Rückrunde zwar spielerisch und taktisch verbessert hat, diese Stabilität aber gegen hochklassige Gegner oder jenseits der vertrauten spielerischen Automatismen des Stammsystems noch viel zu leicht verloren geht. Gegen Dortmund besteht am letzten Spieltag nun dennoch weiterhin eine realistische Chance, sich noch für die Europa League zu qualifizieren – dann vermutlich wieder mit Moisander, ohne die Notwendigkeit riskanter Notfallpläne.

Alles zum Werder-Spieltag.

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