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Trainer Florian Kohfeldt hat Werder Bremen taktisch optimal auf den VfL Wolfsburg eingestellt.

Werder-Sieg gegen Wolfsburg

Taktik-Analyse: Auch VfL-Systemwechsel stoppt Kohfeldt nicht

Von Tobias Escher. Neue Woche, neuer Matchplan: Auch auf den VfL Wolfsburg bereitete sich Werder-Trainer Florian Kohfeldt perfekt vor. Kurz nach der Pause schien es so, als hätte Wölfe-Coach Martin Schmidt den Werderaner Plan entschlüsselt. Doch dann vercoachte Schmidt sich. Die Taktikanalyse.

Das einzig Stete ist der Wandel. So gehört es mittlerweile bei einer Taktik-Analyse über Werder Bremen zum guten Ton, über den Matchplan von Trainer Florian Kohfeldt zu sprechen. Der junge Trainer wechselt Woche für Woche sein Personal und das System. Das Ziel: Seine Mannschaft soll optimal auf den Gegner eingestellt sein. Auch gegen den VfL Wolfsburg ging dieses Vorhaben auf.

Altes System, neue Tricks

Am System dokterte Kohfeldt in dieser Woche nicht herum. Wie schon gegen den FC Schalke 04 und gegen Bayer Leverkusen begann die Mannschaft in einem 4-3-3-System. Ähnlich wie gegen Leverkusen waren die Flügel ungleich besetzt: Linksaußen Florian Kainz agierte auf dem linken Flügel eher breit. Rechtsaußen Aron Johannsson zog häufig in die Mitte.

Anders als gegen Leverkusen war das System aber wesentlich stärker darauf ausgerichtet, den Ball im Mittelfeld-Zentrum zu gewinnen. Bremen störte die Wolfsburger nicht früh, sondern überließ Wolfsburgs Innenverteidiger die Kontrolle über den Ball. Dafür attackierte Bremens Mittelfeld Wolfsburgs Doppelsechs, bestehend aus Maximilian Arnold und Joshua Guilavogui. Diese haben innerhalb von Wolfsburgs 4-2-3-1-Formation die Funktion, Offensive und Defensive zu verbinden. Maximilian Eggestein klebte an den Fersen von Arnold, Zlatko Junuzovic deckte Guilavogui.

Mit dieser Defensiv-Formation konnte Werder das Wolfsburger Mittelfeld aus dem Spiel nehmen.

Wolfsburg musste das Spiel über die Flügel eröffnen, was ihnen in der Anfangsphase nicht so recht gelang. Hier klebten wiederum die Bremer Außenverteidiger an ihren Gegenspielern. Nachdem Werder den Ball gewonnen hatte, ging die Reise schnell nach vorne. Die Grün-Weißen kamen vor allem über die linke Seite zum Zug. Junuzovic sowie der offensiv agierende Linksverteidiger Ludwig Augustinsson unterstützten Kainz. Dieser fand somit immer einen Anspielpartner nach seinen schnellen Dribblings.

Frühe Führung zeigt, wie gut das Bremer Scouting klappt

Aggressiv im Mittelfeld pressen, schnell über die linke Seite kontern: Kohfeldts Matchplan passte wie die Faust aufs Auge. Wolfsburgs Innenverteidiger waren mit dem Spielaufbau überfordert, Zehner Yunus Malli blieb ohne die Zuspiele der Doppelsechs blass. Gegen tiefer stehende Bremer konnte Wolfsburg nie das Tempo ihrer Angreifer ausspielen, ihre große Stärke. Defensiv war Außenverteidiger Paul Verhaegh ein Unsicherheitsfaktor, Kainz ließ ihn mehrfach stehen. Die 2:0-Führung zur Pause war auch der cleveren Taktik geschuldet.

Der Matchplan ging auch deshalb so gut auf, da sich Bremen nach der frühen Führung (5.) eine abwartende Haltung erlauben konnte. Auch der Führungstreffer zeigt, wie gut Bremens Scouting im Moment funktioniert. Die Ecken-Variante, bei der mehrere Spieler vom Strafraumeck an den kurzen Pfosten starteten, war perfekt abgestimmt auf Wolfsburgs Manndeckung. Diese ließen sich aus dem eigenen Strafraum locken, Augustinsson kam frei zum Kopfball.

Mit Jerome Gondorf (l.) schloss Werder in der zweiten Hälfte defensive Lücken, das Zurückrücken von Wolfsburgs Yunus Malli öffnete Räume auf der Gegenseite.

Die Wolfsburger kamen zwar ohne personelle oder taktische Änderung aus der Kabine. Dennoch veränderte sich ihr Spiel: Sie rückten im Pressing weiter vor, setzten Bremen jetzt früh unter Druck und rückten auf den Außen früher auf. Bremen bekam Probleme, den Offensivdrang der Wolfsburger Außenverteidiger einzufangen. Gerade auf Werders linker Seite brach Wolfsburg ein ums andere Mal durch. Selbst eine Umstellung auf ein tieferes 4-4-2 wendete das Blatt nicht zugunsten von Bremen. Wolfsburg verkürzte auf 1:2 (49).

Als der Ausgleich der Wolfsburger plötzlich möglich schien, verpokerte sich Wolfsburgs Coach Martin Schmidt. Er brachte mit Divock Origi (70., für Guilavogui) sowie Renato Steffen (70., für Admir Mehmedi) zwei offensive Spieler-Typen. Malli rückte auf die Doppelsechs zurück, agierte aber weiter als verkappter Zehner. Somit klaffte im zentralen Mittelfeld plötzlich eine große Lücke, nachdem Wolfsburg zu Beginn der zweiten Halbzeit diesen Raum kontrollierte.

„Matchplan“ könnte das Bremer Wort der Saison werden

Bremen nahm das Angebot an und fuhr nun zahlreiche Konter über das Zentrum. Max Kruse ließ sich vermehrt in diesen Raum fallen und fand die Lücken. Gleichzeitig schloss Kohfeldt mit der Einwechslung des defensiver orientierten Jerome Gondorfs (65., für Johannsson) die eigenen defensiven Lücken auf der rechten Seite. Das 3:1 (72.) durch Kainz beendete das Spiel praktisch, auch danach hatte Werder gute Konter-Chancen gegen defensiv labile Wolfsburger.

Auch wenn Bremen in den ersten zwanzig Minuten nach Wiederbeginn etwas zittern musste: Kohfeldts Matchplan ging auf – mal wieder. Die taktische Flexibilität ist ein wesentlicher Faktor für den Bremer Aufschwung. „Matchplan“ könnte das Bremer Wort der Saison werden.

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Wieder ein Start nach Maß: Nach einer Ecke von Zlatko Junuzovic köpft Ludwig Augustinsson in der vierten Minute ein. Es war das erste Bundesliga-Tor des Schweden. © Gumz
Werder war von Anfang an gut im Spiel und verteidigte die Wolfsburger Standards sehr abgezockt.
Werder war von Anfang an gut im Spiel und verteidigte die Wolfsburger Standards sehr abgezockt. © Gumz
Flitzeralarm in der elften Minute! Ein männlicher Zuschauer hat es tatsächlich aufs Feld geschafft, wird aber von Kruse dem Sicherheitspersonal übergeben.
Flitzeralarm in der elften Minute! Ein männlicher Zuschauer hat es tatsächlich aufs Feld geschafft, wird aber von Kruse dem Sicherheitspersonal übergeben. © nordphoto
Nach einer halben Stunde wurde Kruses Kopfball nach einer Ecke auf der Linie geklärt, dann knallte Moisander den Nachschuss an den Querbalken (31.).
Nach einer halben Stunde wurde Kruses Kopfball nach einer Ecke auf der Linie geklärt, dann knallte Moisander den Nachschuss an den Querbalken (31.). © Gumz
Vor der Pause schlug Werder doch nochmal zu. Kainz spielte einen Doppelpass mit Junuzovic und schlenzte die Kugel aus halblinker Position ins rechte Eck (40.). Ein Super-Tor!
Vor der Pause schlug Werder doch nochmal zu. Kainz spielte einen Doppelpass mit Junuzovic und schlenzte die Kugel aus halblinker Position ins rechte Eck (40.). Ein Super-Tor! © nordphoto
Kurz nach dem Seitenwechsel kommt Robin Knoche im Sechzehner zu Fall, weil Moisander ihn völlig unnötig zu Boden reißt. Den Elfmeter verwandelt Paul Verhaegh im Nachschuss zum 2:1 (49.).
Kurz nach dem Seitenwechsel kommt Robin Knoche im Sechzehner zu Fall, weil Moisander ihn völlig unnötig zu Boden reißt. Den Elfmeter verwandelt Paul Verhaegh im Nachschuss zum 2:1 (49.). © nordphoto
Werder war durch den Anschlusstreffer der Gäste verunsichert. Kohfeldt reagierte und brachte Thomas Delaney für Bargfrede ins Spiel (57.).
Werder war durch den Anschlusstreffer der Gäste verunsichert. Kohfeldt reagierte und brachte Thomas Delaney für Bargfrede ins Spiel (57.). © nordphoto
Von den Grün-Weißen war nicht mehr viel zu sehen – bis zur 72. Minute. Kruse behielt die Übersicht und fand Kainz, der von links aus spitzem Winkel ins Tor traf.
Von den Grün-Weißen war nicht mehr viel zu sehen – bis zur 72. Minute. Kruse behielt die Übersicht und fand Kainz, der von links aus spitzem Winkel ins Tor traf. © Gumz
Am Ende blieb es beim 3:1 für Werder dank den Toren von Augustinsson und Kainz. Damit feierten die Bremer den ersten Heimsieg in 2018.
Am Ende blieb es beim 3:1 für Werder dank den Toren von Augustinsson und Kainz. Damit feierten die Bremer den ersten Heimsieg in 2018. © nordphoto

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