+
Der Stadionsprecher hat es soeben durchgesagt: Köln spielt gegen Nürnberg nur 0:0, wodurch Werder zum ersten Mal Deutscher Meister ist. Unbändige Freude bei (von links): Höttges, Bernard, Steinmann, Ferner, Lorenz, Matischak und Klöckner.

Die Geschichte des berühmtesten Werder-Fotos

Die Sekunde, in der das Glück entsteht

Bremen - Kein Bild in der Historie von Werder Bremen ist berühmter als das der Deutschen Meister von 1965: Fotograf Walter Schumann und Meisterspieler Heinz Steinmann erzählen die Geschichte dazu.

Abgedrückt. Dann ging nichts mehr. Walter Schumann wurde zu Boden gerissen. Er schaffte es gerade noch so, sein Allerheiligstes zu schützen. Im Fallen verdrehte er seinen Körper auf eine Art, die es ihm ermöglichte, die Leica M2 vor dem Aufprall zu retten. Irgendwie. Er selbst schlug hart hin. Den Schmerz nahm er aber nicht wahr. Es ging hier um Wichtigeres.

Walter Schumann und das Motiv seines Lebens

Der Fotograf wusste, dass sich pures Gold auf seinem Film befand. Schumann stand auf, klopfte sich ab und steuerte durch die Menschenmasse auf direktem Weg dem Ausgang entgegen. Es war ein Samstag, der 8. Mai 1965. Werder Bremen war soeben im Weserstadion zum ersten Mal Deutscher Meister geworden – und Walter Schumann hatte das Motiv seines Lebens fotografiert.

Sieben Bremer: Horst-Dieter Höttges, Günter Bernard, Heinz Steinmann, Diethelm Ferner, Max Lorenz, Klaus Matischak, Theo Klöckner. Während dieser einen Sekunde, in der das Glück entsteht. Es ist ein Foto, das die Zeit überdauert. Womöglich ist es das wichtigste in Werders Vereinsgeschichte. Diese eine Sekunde. Damals mit einem 35-Millimeter-Objektiv fotografiert, im Labor entwickelt, per Postzug am Abend in die Redaktionen des Landes gebracht. Eine gefühlte Ewigkeit ist das her.

Walter Schumann

Fotograf Schumann ist heute 78 Jahre alt. Meisterspieler Heinz Steinmann 79. Damals 27-jährig steht er im Zentrum des Motivs. Leicht vorgebeugt, die Hände neben den Oberschenkeln, schreiend. „Es war mein glücklichster Moment als Fußballer“, erinnert sich Steinmann, dessen Leben sich durch das Bild verändert hat. Auch für Schumann spielt es nach über 50 Jahren noch immer eine wichtige Rolle. Ein Foto, zwei Männer, ihre Geschichte.

Heinz Steinmann hat sich auf den Termin vorbereitet. Bereits am Telefon hatten zwei Sätze genügt, und er wusste genau, worum es gehen soll. „Das Bild, auf dem ich so dusselig den Mund aufreiße?“ Natürlich habe er das vor Augen. Sehr genau sogar. Auf dem großen Tisch in seinem Wohnzimmer steht eine Flasche Wasser, daneben zwei Gläser und ein Schälchen mit Schokolade. Es dauert höchstens eine Minute, dann ist plötzlich Samstag. Dann ist der 8. Mai 1965.

Steinmann: „Es war die pure Freude“

Mit 3:0 gewinnt Werder am vorletzten Spieltag gegen Borussia Dortmund. Die Torschützen heißen Matischak, Klöckner, Zebrowski. Richtig spannend wird es aber erst nach dem Abpfiff. „Wir standen auf dem Platz und haben auf Richard Oßenkop gewartet“, berichtet Steinmann. Gegen 17.40 Uhr knarzt die Stimme des Stadionsprechers aus den Boxen. Oßenkop gibt durch, dass der 1. FC Köln, der Titelverteidiger und Werders ärgster Konkurrent im Rennen um die Meisterschaft, gegen Nürnberg nicht über ein 0:0 hinausgekommen ist. Die Bremer sind damit vom Rivalen nicht mehr einzuholen. 40.000 Zuschauer im Stadion, die Spieler auf dem Rasen – „es war die pure Freude“, sagt Steinmann.

Walter Schumann hat bereits am Tag vor dem Spiel so ein Gefühl. Er greift sich die Tabelle und rechnet. Was wäre wenn? Könnte Werder tatsächlich? „Ich wusste, was passieren kann“, berichtet der Fotograf aus seinen Erinnerungen. Nach dem Abpfiff geht er deshalb sofort auf den Platz, baut sich direkt vor der wartenden Mannschaft auf. Damals ging so etwas noch. Es nieselt, als Oßenkop die Stimme erhebt. Die Monotonie im Klang seiner Sprache steht im krassen Gegensatz zu dem, was ihr Inhalt innerhalb von Sekunden auslöst. Schumann hält drauf.

Heinz Steinmann

„Ich hatte Glück, dass ich so günstig stand“, erklärt der Fotograf. Etwas Pech war aber auch dabei: Im Freudentaumel wird er umgerissen. Das Meisterbild wäre im Original gar nicht zu verwenden gewesen. „Es war krumm und schief. Ich musste es auswinkeln.“ Erst dann waren sie klar zu erkennen: Die Bremer Helden, in dem Moment, in dem sie dazu wurden. Trikots und Stutzen nach geschlagener Schlacht verdreckt, die körperliche Anstrengung, die hinter ihnen liegt, ist greifbar. Die grenzenlose Freude ist es auch. Höttges und Torhüter Bernard schon in der Luft. Steinmann schreiend. Lorenz und Matischak Arm in Arm. Klöckner am rechten Bildrand senkt den Kopf, scheint die Nachricht noch gar nicht verarbeitet zu haben. „Theo war schon damals eher ruhig“, scherzt Steinmann, der in den Tagen nach dem Triumph einen gehörigen Schreck bekommen sollte.

„Oh Gott, oh Gott“, habe er gedacht, als er das Bild von sich und seinen Teamkollegen in der Zeitung sah. Seitdem ist es ein Teil seines Lebens. Früher hing es riesengroß an der Werder-Halle in der Hemelinger Straße, später wollten die drei Enkelkinder wissen, warum Opa so schreit. Keine Frage: Steinmann ist bis heute das Gesicht der 65er-Meister. „Ich werde hin und wieder noch auf das Bild angesprochen“, sagt er. „Das wird wohl so bleiben.“ In seiner Wohnung in Achim hängt es nicht. Auch sonst nichts, das an Werder im Speziellen oder Fußball im Allgemeinen erinnert. „Warum denn auch?“, fragt der Ex-Spieler. „Die Zeiten sind doch so lange vorbei.“ Das stimmt. In den Erinnerungen von Schumann und Steinmann sind sie jedoch derart lebendig, als läge das 3:0 gegen Dortmund erst wenige Tage zurück.

Walter Schumann plant eine Foto-Ausstellung

Es ist der Montag nach dem Meisterspiel, als Walter Schumann mit der Bahn in die Stadt fährt. Am Rathaus steigt er aus. Nach wenigen Metern erreicht er den ersten Kiosk, „und bei allen Zeitungen war mein Bild auf dem Titel“. 2002 geht der Fotograf in Rente. Keines seiner Motive wurde öfter gedruckt. Bilder macht er heute nur noch für private Zwecke. Gerne Fotobücher vom letzten Urlaub. „Alles ist digital und wird immer schneller. In meinen Augen aber auch schlechter“, sagt er. Bilder als etwas Flüchtiges. Gesehen. Vergessen. Seine Fotos hat Schumann in mehreren Bänden archiviert. Er plant eine Ausstellung. Ein Motiv wird es ganz sicher in die Auswahl schaffen.

Heinz Steinmann hat es sich damals übrigens aus der Zeitung ausgeschnitten. Nach dem letzten Umzug hat er den Karton, in dem es liegt, nicht wieder ausgepackt. Ein Ausdruck dient während des Gesprächs als Erinnerungsstütze. Immer wieder fährt der frühere Außenläufer seine Mitspieler mit den Fingern ab. Am Ende dann die Frage, zurückhaltend gestellt, ob er die Seite vielleicht behalten könne. Da hält er sie bereits minutenlang fest in beiden Händen.

Schon gesehen?

Alles zur Deutschen Meisterschaft 1965

Von Bernard bis Zebrowski: Das sind die Meister-Spieler

Die deutsche Meisterschaft 1965 hat sie zu Werder-Helden gemacht: Hans Schulz und Max Lorenz beschreiben ihre einstigen Teamkollegen. © Imago
Werder Bremen
Torwart: Günter Bernard - Spiele 1964/65: 30 – Tore: 0. Kam 1963 vom 1. FC Schweinfurt. Bestritt in der Meistersaison als einziger alle Spiele. Ging 1974 zu Atlas Delmenhorst. Lebt in Lilienthal. „Günter war sehr mutig, und er hatte einen guten Mutterwitz.“ (Hans Schulz) © Imago / Bild aus dem Jahr 2014
Werder Bremen
Abwehr: Wolfgang Bordel - Spiele 1964/65: 1 – Tore: 0. Stammte aus der Werder-Jugend, wechselte 1967 zu Phönix 83 Lübeck. Lebt in Bremen. „Ein eleganter Abwehrspieler.“ (Hans Schulz) © Imago / Bild aus dem Jahr 1963
Werder Bremen
Abwehr: Horst-Dieter Höttges - Spiele 1964/65: 29 – Tore: 1. Kam 1964 von Borussia Mönchengladbach. 1974 beendete der „Eisenfuß“ seine Karriere. Lebt in Achim. „Als Horst zu uns kam, sprach er nur Gladbacher Platt und war kaum zu verstehen. Aber auf dem Platz haben wir ihn alle sofort verstanden.“ (Max Lorenz) © Imago / Bild aus dem Jahr 1971
Werder Bremen
Abwehr: Helmut Jagielski (Mitte, 2002 im Alter von 68 Jahren gestorben) - Spiele 1964/65: 26 – Tore: 1. Kam 1961 vom FC Schalke 04. Wurde nach seinem Karriereende 1967 Werder-Vereinswirt und Amateurtrainer. „Der hat einen Libero gespielt – unglaublich. Und das mit seinen dünnen Beinchen und kleinen Füßchen.“ (Lorenz) © Imago / Bild aus dem Jahr 1963
Werder Bremen
Abwehr: Josef Piontek - Spiele 1964/65: 28 – Tore: 3. Kam 1960 von Germania Leer – für einen „Wintermantel“ (Lorenz). Beendete 1972 seine Karriere. Schon davor und auch danach Werder-Trainer. Später Nationaltrainer von Haiti, Dänemark und der Türkei. Lebt in Dänemark. „Eigentlich war der Sepp ja Mittelstürmer, aber ihm sprangen immer die Bälle weg. Da wurde er einmal als rechter Verteidiger ausprobiert – und war überragend.“ (Lorenz) © Imago / Bild aus dem Jahr 1964
Werder Bremen
Abwehr: Heinz Steinmann - Spiele 1964/65: 26 – Tore: 0. Stammt aus Essen und kam 1964 vom 1. FC Saarbrücken. Beendete 1970 seine Karriere. Lebt in Achim. „Eine Bank. Er war nie verletzt – oder er hat es einfach nicht gesagt.“ (Schulz) © Imago / Bild aus dem Jahr 1966
Werder Bremen
Mittelfeld: Diethelm Ferner - Spiele 1964/65: 29 – Tore: 1. Kam 1963 vom VfB Bottrop. Ging 1969 zu RW Essen. Später Trainer unter anderem von RW Essen, St. Pauli, Hannover, Schalke, in Zypern, Ägypten und Libyen. „Der hatte keine Angst. Er war frech und 90 Minuten unterwegs.“ (Schulz) © Imago / Bild aus dem Jahr 1965
Werder Bremen
Mittelfeld: Max Lorenz - Spiele 1964/65: 27 – Tore: 2. Wechselte 1960 vom SV Hemelingen zu Werder – und 1969 zu Eintracht Braunschweig, wo er 1972 seine Karriere beendete. Lebt in Bremen. „Max hatte Nerven ohne Ende.“ (Schulz) © Imago / Bild aus dem Jahr 1966
Werder Bremen
Mittelfeld: Helmut Schimeczek - Spiele 1964/65: 6 – Tore: 0. Kam 1958 aus Fallersleben. Beendete 1970 seine Karriere. „Er lebt in Bremen und auf Mallorca, denn er war schon immer clever.“ (Schulz) © Imago / Bild aus dem Jahr 1961
Werder Bremen
Mittelfeld: Hans Schulz - Spiele 1964/65: 19 – Tore: 4. Spielte schon als Elfjähriger für Werder. Wechselte 1966 als erster Werder-Profi zum HSV, ging 1971 zu Fortuna Düsseldorf, beendete 1976 bei Alemannia Aachen seine Karriere. Seit 1999 Aufsichtsratsmitglied bei Werder. Lebt in Bremen. „Uwe Seeler hat ihn uns weggeholt.“ (Lorenz) © Imago / Bild aus dem Jahr 1965
Werder Bremen
Mittelfeld: Dieter Thun - Spiele 1964/65: 2 – Tore: 0. Kam 1962 vom VfV Hildesheim. Ging 1965 zum VfL Wolfsburg, beendete dort 1971 seine Karriere. Lebt in Wolfsburg. „Er hat einen schönen Ball gespielt.“ (Schulz) © Imago / Bild aus dem Jahr 1965
Werder Bremen
Sturm: Klaus Hänel - Spiele 1964/65: 7 – Tore: 1. Kam 1953 von der BTS Neustadt. Beendete 1968 seine Karriere. Lebt in Bremen. „Ein brillanter Fußballer, gut aussehend, imposanter Körperbau. Weißer Brasilianer haben sie ihn genannt.“ (Lorenz) © Imago / Bild aus dem Jahr 1964
Werder Bremen
Sturm: Theo Klöckner - Spiele 1964/65: 17 – Tore: 4. Kam 1963 von SW Essen, wohin er 1965 auch zurückging. Beendete seine Karriere 1969. Lebt in Essen. „Ein abgewichster Spieler und ein Einzelgänger.“ (Schulz) © Imago / Bild aus dem Jahr 1964
Werder Bremen
Sturm: Klaus Matischak - Spiele 1964/65: 19 – Tore: 12. Kam 1964 vom FC Schalke 04. Beendete 1967 seine Karriere. War 1976/77 Finanzmanager bei Werder (unter Assauer). Lebt in New York. „Matti war immer sehr direkt. Seinem besten Kumpel und Mannschaftskollegen Jack White, der bei Weihnachtsfeiern gesungen hat, hat er mal gesagt: Sing’ lieber, Fußball spielen kannst du nicht.“ (Schulz) © Imago / Bild aus dem Jahr 1964
Werder Bremen
Sturm: Arnold Schütz (Am 14. April 2015 im Alter von 80 Jahren gestorben) - Spiele 1964/65: 28 – Tore: 10. Kam 1955 vom TuS Walle und wurde mit über 800 Spielen eine Werder-Legende. Karriereende 1972. „Der beste Kapitän, den man sich wünschen kann. Es ist einfach tragisch, dass ,Pico’ kurz vor unserem Jubiläum gestorben ist. Er wird uns fehlen.“ (Schulz) © Imago / Bild aus dem Jahr 1965
Werder Bremen
Sturm: Willi Soya (1990 im Alter von 54 Jahren verstorben) - Spiele 1964/65: 8 – Tore: 2. Kam 1961 vom FC Schalke. Ging 1966 zu Bergedorf 85. „,Bohne’ war technisch überragend.“ (Lorenz) © Imago / Bild aus dem Jahr
Werder Bremen
Sturm: Gerhard Zebrowski - Spiele 1964/65: 28 – Tore: 11. Kam schon als Jugendlicher vom TuS Walle. 1969 wechselte er zu Bremerhaven 93, 1972 zum SV Hemelingen. Lange Herausgeber der Stadion-Zeitung Werder-Echo. Lebt in Bremen. „,Zebro’ war eine Stimmungskanone. Ihn konntest du fünf Mal umhauen, er ist immer wieder aufgestanden.“ (Schulz) © Imago / Bild aus dem Jahr 1964
Werder Bremen
Trainer Willi Multhaup (1982 im Alter von 79 Jahren gestorben). Kam 1963 vom Meidericher SV. Ging nach der Meisterschaft zu Borussia Dortmund und holte gleich den Europapokal der Pokalsieger. 1968 wurde er mit Köln Pokalsieger und hörte auf. Im Herbst 1971 noch mal Interimscoach bei Werder. Betrieb in Dortmund und Essen ein Fachgeschäft für Herrenmode. „Er hat gesagt, ich brauche zwei Jahre, um aus Werder eine klasse Mannschaft zu machen. Das Versprechen hat er gehalten.“ (Schulz) © Imago / Bild aus dem Jahr 1965
Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Auch interessant

Was denkst Du über den Artikel?

Nichts mehr verpassen

Kommentare