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Interview mit Thomas Schaaf: „Ich will nicht König Thomas sein“

So berichtete die Kreiszeitung am Dienstag, 11. Mai 2004, über die vierte Deutsche Meisterschaft von Werder Bremen.

Von Arne Flügge und Carsten Sander

Bremen - Jetzt ist er also auch als Trainer Deutscher Meister: Thomas Schaaf, der Mister Werder. Als er vor fünf Jahren das Amt des Chefcoaches übernahm, schlug ihm Skepsis entgegen. Das hat sich grundlegend gewandelt. Die Fans lieben ihn – und das wäre auch ohne Titel so gewesen. Welche Bedeutung der 43-Jährige der Meisterschaft beimisst und welche Erwartungen er an die Zukunft hat – darüber spricht Thomas Schaaf im Interview.

Der Triumph von München liegt zwei Tage zurück. Haben Sie schon realisiert, was Ihnen gelungen ist?

Dass wir Meister sind, haben wir ja schon oft genug in den Zeitungen gelesen. Was aber nach dem Spiel alles passiert ist, kann man in so kurzer Zeit gar nicht verarbeiten. Ich habe unheimlich viele Bilder aufgenommen. Soviel nur ging. Immer die Augen aufgehabt. Irgendwann werde ich mich dann hinsetzen und werde die Bilder verarbeiten. Dann werden von innen heraus auch die Gefühle kommen.

Aufgenommen haben Sie auch nach der Landung in Bremen – mit einer Digicam vom Dach des Flugzeugs. Haben Sie den Film schon gesehen?

Habe ich. Aber es es war fast nur Beton zu sehen. Ich bin eben kein Kameramann...

Macht ja nichts. Hauptsache Meister. Was bedeutet Ihnen der Titel – Ihr erster als Trainer?

Es ist für uns alle wichtig, zu sagen: Wir sind die Besten. Der Titel stellt etwas Greifbares dar. Er zeigt: Wir haben Stärke und Klasse gezeigt. Für mich stand aber schon vorher fest: Was die Mannschaft erreicht hat, ist einfach fantastisch. Nach Pasching im Juli (0:4-Debakel im UI-Cup, d. Red.) haben wir nonstop auf hohem Niveau gespielt. Das ist unglaublich und für mich der eigentliche Erfolg. Ein Titel an sich ist mir nicht so wichtig. Das Schöne sind vielmehr lobende Worte nach tollen Spielen, wenn die Fans auf der Straße über den Fußball schwärmen, den wir gespielt haben.

Verraten Sie uns das Geheimnis des Erfolges?

Die Mannschaft hat schnurstracks ihren Weg beschritten. Es gab immer mal ein paar Ausreißer, aber am Ende hat jeder auf jeden aufgepasst. Was wurde da nicht alles versucht, um den Weg der Mannschaft zu stören. Doch sie hat sich nicht beirren lassen. Sie ist zu einer Einheit zusammengewachsen.

Erklären Sie das genauer, bitte!

Erinnern Sie sich, wie die Mannschaft gegen den HSV Victor Skripnik zum Elfmeter geschickt hat? Die Menschlichkeit in dieser Mannschaft ist großes Kino, ganz, ganz großes Kino. Es wäre schön, wenn wir das über die Saison hinaus kompensieren könnten.

Sportdirektor Klaus Allofs hat vom „wahren Wunder“ gesprochen…

Diese Meisterschaft ist wirklich ein Wunder. Natürlich gehören Arbeit, Konzentration, Fleiß und auch andere Faktoren dazu. Nur wie unsere Mannschaft miteinander umgegangen ist, wie sie sich immer wieder unterstützt und motiviert hat, das war wunderbar. Und so ist etwas passiert, was den Fußall leben lässt, es ist etwas eingetreten, was nicht geplant war: die Meisterschaft. Und jetzt haben wir den Salat.

Wie meinen Sie das denn?

Das wir künftig an der Meisterschaft gemessen werden. Das ist eine große Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Jeder muss wissen: Ja, es wird anstrengend.

Herausforderung Champions League, Herausforderung Titelverteidigung – ist der Kader in der Breite gut genug besetzt, um diese Gewichte zu stemmen?

Darüber machen wir uns natürlich Gedanken. Es ist wahnsinnig schwierig, das richtige Maß zu finden. Zu viele Spieler zu haben, kann ebenso schlecht sein, wie zu wenige zu haben. Im Moment kann ich sagen, dass wir mit den Neuzugängen Miroslav Klose, Gustavo Nery und Frank Fahrenhorst eine gute Basis, eine gute Qualität geschaffen haben. Aber ich kann nicht sagen: Es reicht. Wir müssen immer wieder hinschauen und gucken, ob da einer ist, der zu uns passt.

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Im Angriff haben wir mit Klasnic, Klose, Charisteas und Valdez vier Topleute. Im Mittelfeld sind wir gut besetzt, bemühen uns ja um Yildiray Bastürk. Wir müssen in der Abwehr noch schauen. Wir haben aber Zeit, die Spieler zu finden.

Ein Fan hat einen Thron für Sie gebaut. Werden Sie sich am Samstag draufsetzen oder schrecken Sie vor soviel Verehrung zurück?

Es ist eine große Gefahr da, zu sehr glorifiziert zu werden. Sicher ist es schön, wenn du für den Erfolg belohnt wirst. Ich will aber nicht „König Thomas“ sein. Ich bin ich – und das will ich bleiben.

Klar ist aber auch, dass die Meisterschaft so etwas wie ein Ritterschlag für Sie war. Meistertrainer darf sich eben nicht jeder nennen.

Vielleicht. Aber deswegen muss ich mich nicht verstellen. Außerdem, und das ist mir ganz wichtig: Ich bin nicht alleine für den Erfolg verantwortlich. Wir alle, der Sportdirektor, die Mannschaft und der Trainer, haben die Meisterschaft nach Bremen geholt.

Wofür Sie am Samstag mit der Schale belohnt werden. Erwarten Sie eine noch größere Party als am vergangenen Wochenende?

Was glauben Sie, was im Stadion los ist, wenn wir als Meister einlaufen? Ich glaube, so etwas hat Bremen noch nicht erlebt.

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