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Werder-Trainer Otto Rehhagel präsentierte 1992 den Europapokal der Pokalsieger.

Der Weg zum Titel

Ein steiniger Weg durch Europa

Bremen - Von Henning Harlacher. Der Sieg im Europapokal der Pokalsieger 1992 ist der größte Erfolg in der Vereinsgeschichte des SV Werder Bremen. So führte Trainer Otto Rehhagel sein Team zum Triumph.

Ein Blick auf die Abschlusstabelle der Bundesliga verrät: Die Saison 1991/92 lief für Werder Bremen ziemlich bescheiden. Nach 38 Spielen waren die Grün-Weißen nicht über den 9. Platz hinausgekommen. Während der gesamten Spielzeit fanden die Jungs von der Weser nie so richtig zum Erfolg. Selbst der Trainer stand damals kurz vor dem Aus. Am Ende präsentierte Otto Rehhagel den Fans jedoch einen der bedeutendsten Titel im internationalen Fußball: den Europapokal der Pokalsieger. Bis heute konnte keine Werder-Mannschaft je wieder einen Europapokal in die Stadt holen. Der Weg dorthin erwies sich jedoch im wahrsten Sinne des Wortes als sehr „steinig“.

Als amtierender Sieger des DFB-Pokals war es Werder Bremen vergönnt, den Platz als deutscher Vertreter im damals noch ausgespielten Pokalsieger-Wettbewerb einzunehmen. Zuvor hatten die Bremer im Berliner Olympiastadion den 1. FC Köln im Elfmeterschießen bezwungen und nach 1961 zum zweiten Mal den DFB-Pokal in den Himmel gereckt.

Ungeschlagen ins Viertelfinale: Rumänen und Ungarn niedrige Hürde

Die erste Station im Europapokal war der FC Bacau. Der Verein aus der rumänischen Provinz stellte für den SVW keine große Hürde dar und wurde mit einem 6:0 und einem 5:0 nach Hause geschickt. Trainer Otto Rehhagel hatte somit das Achtelfinale erreicht. Die wilde Werder-Reise durch Europa hatte aber gerade erst begonnen.

Von Rumänien ging es nach Ungarn, wo der dortige Verein Ferencvaros Budapest wartete. Die Partien waren deutlich knapper als gegen Bacau, Werder gewann jedoch mit 3:2 und 1:0. Während sich Werder in der Liga als Neuntplatzierter in die Winterpause verabschiedete und nach 22 Spielen lediglich acht Siege auf dem Konto hatte, ging es auf internationalem Parkett ungeschlagen ins Viertelfinale.

Hitzige Duelle mit Galatasaray: Aber Rehhagel bleibt cool

Dort wartete im März 1992 Galatasaray Istanbul. Im Hinspiel war das Weserstadion – im Gegensatz zur Bundesliga – ausverkauft. Die Hälfte der Ticketinhaber waren allerdings Fans der Gelb-Roten, was für einen wahren Hexenkessel sorgte. Trotz der aufgeheizten Stimmung blieb Rehhagel cool und bewies ein goldenes Händchen. Die beiden eingewechselten Offensivkräfte Marinus Bester und Stefan Kohn waren es, die mit ihren Toren den 0:1-Rückstand wettmachen konnten – Werder gewann 2:1.

Nur zwei Wochen später sollte es dann im ehrwürdigen Ali-Sami-Yen-Stadion noch heißer hergehen, die Emotionen sollten übersprudeln. Bereits die Anreise ließ vermuten, dass es keine leichte Nummer werden würde. Mit ordentlich Verspätung im Gepäck landete die Bremer Delegation auf türkischem Boden. Genau dieser erwies sich kurze Zeit später auch als unbespielbar, als Rehhagel zu einem letzten Training vor dem Spiel bat. Knöcheltief versanken die Füße der Werder-Profis in den matschigen Untergrund.

Feueralarm, Autohupen, Wetterkapriolen: Chaos in Istanbul

Aber nicht nur die Trainingseinheit sollte von kurzer Dauer sein, auch die Nacht über wurden Spieler und Trainer der Grün-Weißen immer wieder aus ihrem Schlaf gerissen. Erst wurden alle Hotelgäste aufgrund eines Fehlalarms der Feuermelder aus ihren Zimmern nach draußen gebeten, einige Zeit später waren es die Autohupen der Gala-Fans, die nicht an Nachtruhe denken ließen.

Am nächsten Tag hofften viele auf eine Verlegung des Spiels, da die Wetterkapriolen andauerten. Doch am Abend pfiff Schiedsrichter Kim Milton Nielsen tatsächlich an. An einen schönen Fußballabend war aufgrund des katastrophalen Untergrunds nicht zu denken. Das Spiel war von daher alles andere als eine Augenweide und bestand überwiegend aus langen, hohen Bällen, um das runde Leder aus der Gefahrenzone zu bugsieren. Kein Wunder also, dass nach 90 Minuten die Anzeigentafel keine Veränderung vorgenommen hatte und die Teams sich 0:0 trennten.

Gipfel der Unsportlichkeit: Belgische Fans rasten aus

Werder marschierte somit ins Halbfinale. Als es bei der Rückreise um den Mannschaftsbus immer lauter wurde, dachten viele erst an ein Feuerwerk. Allerdings handelte es sich um Steine, die die wütenden Heimfans an die Busfenster warfen. Gruselige Bilder am Ende einer erfolgreichen Europapokal-Nacht. Wer jetzt jedoch dachte, dass es schlimmer nicht kommen könnte, der irrte.

Auf dem Weg ins Finalstadion in Lissabon stellte sich als letztes der FC Brügge in den Weg. Das Hinspiel fand im Jan-Breydel-Stadion statt, wo die Brügge-Anhänger die Grün-Weißen nicht nur als „Nazis“ beschimpften, sondern auch mit einem Hagel aus Steinen, Feuerzeugen, Messern und was man sonst noch so als Wurfgeschoss benutzen kann, begrüßten. Die Partie wurde zur Nebensache, da die belgischen Fans nicht zu stoppen waren und die komplette Zeit für unschöne Bilder sorgten.

Auf ins Finale: Bode und Bockenfeld machen Hinspiel-Pleite wett

Von der Situation überfordert, mussten die Jungs von der Weser eine 0:1-Niederlage einstecken. Mit einem mulmigen Gefühl traten die Bremer ihre Heimreise an. Die belgischen Fans wollten die Mannschaft unbedingt aus ihrer Heimat vertreiben, was sie mit Steinwürfen, die noch schlimmer als die in Istanbul waren, verdeutlichen wollten. Erst als die Bremer das Stadiongelände verlassen hatte, konnten die Spieler, Trainer und Verantwortlichen ihre Plätze einnehmen, ohne Angst haben zu müssen, dass die Steine die Fenster zerbersten ließen.

Beim Rückspiel vor heimischer Kulisse konnten sich die Werder-Profis wieder voll auf ihren Job konzentrieren. Mit den Anfeuerungsrufen der eigenen Fans im Rücken sorgten Marco Bode und Manfred Bockenfeld mit einem seiner wenigen Tore für die Entscheidung. Das Ticket nach Lissabon konnte also gebucht werden.

Werder gegen Monaco: Rehhagel sticht Wenger aus

Im Estadio da Luz kam es dann zum Aufeinandertreffen mit dem AS Monaco, der damals als haushoher Favorit galt. Immerhin hatten die Monegassen nicht nur Stars wie Youri Djorkaeff, Emmanuel Petit, Rui Barros oder den späteren Weltfußballer George Weah in den eigenen Reihen, sondern auch mit Arsene Wenger einen aufstrebenden Trainer auf der Bank sitzen. Doch Otto Rehhagel ließ sich auch beim ersten Europapokal-Finale einer Bremer Mannschaft nicht aus der Ruhe bringen.

Mit Klaus Allofs in der Startformation zauberte König Otto einen wahren Trumpf aus seinem Kartendeck hervor. Der Stürmer, der mit seinen 35 Jahren und kaputten Knien bereits weit über dem Zenit hinaus war und kurz vor dem Ende seiner Karriere stand, hatte in Frankreich aber noch immer einen großen Namen. Schließlich spielte der ehemalige deutsche Nationalspieler viele Jahre für Girondins Bordeaux sowie Olympique Marseille und hatte in dieser Zeit 34 Tore in 90 Partien erzielt. Nicht nur, dass sich Allofs also mit französischen Verteidigern auskannte, er war es tatsächlich, der dem Spiel seinen Stempel aufdrückte.

Dank Allofs und Rufer: Werders gewinnt den Europapokal

Obwohl das 130.000 Fans fassende Stadion mit 13.000 für ein Finale unwürdig unterbesetzt war, war die Stimmung nach Abpfiff riesig. Eben jener Allofs sorgte wie aus dem Nichts kurz vor der Halbzeit für die 1:0-Führung, nachdem Wynton Rufer einen Freistoß von Uli Borowka am Sechzehner der Monegassen in Richtung Elfmeterpunkt verlängert hatte. Linksfüßer Allofs bekam seinen rechten Fuß vor allen anderen an den Ball und drückte ihn an Torhüter Jean-Luc Ettori vorbei über die Linie. Die Werder-Fans waren außer Rand und Band und sorgten trotz der vielen freien Plätze für eine gewaltige Stimmung.

Zehn Minuten nach der Pause war es dann erneut Allofs, der zwar nicht als Torschütze, dafür aber als Vorlagengeber brillierte. Mit einem unnachahmlichen Pass am Mittelkreis schickte er Sturmpartner Rufer mit Ball und einem One-Way-Ticket ohne Zwischenlandung auf die Reise in Richtung Tor des AS Monaco. Der Neuseeländer umkurvte noch Ettori und schob danach den Ball lässig in den Kasten. Die anrauschenden Beine eines Monaco-Verteidigers verfehlten zwar nicht ganz ihre Wirkung und brachten „Kiwi“ zu Fall, der jedoch kurz darauf mit nach oben gestreckten Armen in Richtung Eckfahne lief, um die Glückwünsche seiner Kollegen entgegen zu nehmen – 2:0.

Die Jungs von Arsene Wenger waren am Boden und nicht mehr aufzumuntern, sodass Werder das Ergebnis über die restlichen 35 Minuten brachte. Der erste und bisher einzige Werder-Titel auf europäischem Parkett war somit eingetütet und wurde selbstverständlich bis in die frühen Morgenstunden im Hotel und teilweise am nahegelegenden Strand begossen. Nur ein Jahr später sollten die Jungs von der Weser ihren nächsten Titel feiern...

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