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Interview mit Otto Rehhagel: „Vielleicht hätte ich da mein Maul halten sollen“

So berichtete die Kreiszeitung vor Werder Bremens Triumph im Europapokal der Pokalsieger 1992. Ein Interview mit Trainer Otto Rehhagel.

Bremen/Lissabon. Sekt oder Selters. Für Werder Bremen entscheidet sich im Europapokal-Finale der Cupsieger am Mittwoch (20.15 Uhr/live im ZDF) gegen AS Monaco in Lissabon die weitere Zugehörigkeit zur europäischen Fußball-Creme: Bei einer Niederlage stünde der deutsche Pokalsieger in der nächsten Saison im Abseits. „Finanziell kämen wir aber nicht ins Rutschen“, erklärte Präsident Böhmert, der seinem Trainer Otto Rehhagel in Portugal die Krönung seiner Zusammenarbeit mit dem SV Werder wünscht. Wie der Coach selbst die Chancen einschätzt, wie 's mit ihm an der Weser weitergeht, verriet er im Interview.

Otto Rehhagel, wenn Werder Bremen am Mittwoch im Endspiel in Lissabon gegen AS Monaco nicht Europapokalsieger wird: War es dann für Sie als Trainer eine verkorkste Saison?

Ich bin nicht bereit, die Bilanz eines Jahres von einem Ergebnis abhängig zu machen. Ich sehe den Fußball anders. Ein Spiel kann keine Antwort auf die kontinuierliche Leistung von elf Jahren geben. Wenn heute Rudi Völler und Karlheinz Riedle gute Botschafter des deutschen Fußballs in der ewigen Stadt sind, gehört das auch zu meiner Bilanz.

Wäre ein Europapokalgewinn die Zäsur, die Ihnen einen Abschied aus Bremen erleichtert?

Natürlich möchte ich irgendwann noch einmal etwas anderes machen. Aber es muss passend sein. Wann soll ich sagen: Ich gehe? Jetzt, am Saisonende, haben alle großen Vereine schon disponiert. Als Real Madrid mich haben wollte, kämpften wir seinerzeit um die Meisterschaft. In den Jahren danach war der Pokalsieg das Ziel, jetzt der Europapokal.

Man kann doch schon im Winter seinen Abschied zum Saisonende ankündigen. Warum tun Sie das nicht?

Ich kann das nicht. Dann zerbricht etwas in der Zusammenarbeit mit der Mannschaft, werden die Ziele gefährdet. Ich bin diesem Verein treu und gehe mit ihm, so lange es geht.

Elf Jahre Trainer bei Werder Bremen – wie vermeiden Sie denn die im Profi-Geschäft unvermeidlichen Abnutzungserscheinungen?

Zunächst sind aus meinen Anfangsjahren ja nur Jonny Otten und Thomas Schaaf geblieben. Dann lebe ich den Spielern vor, wie sie sich zu verhalten haben: kein Alkohol, keine Zigaretten! Ich bin immer bestens vorbereitet. Zu jedem Spieler von Monaco kann ich Wichtiges und Wissenswertes sagen. Ich setze mich für den Verein total ein, und das akzeptieren die Spieler. Wenn ich sie kritisiere, dann nur ihre Leistung, nie die Person. Als Menschen liebe ich sie alle. Man kann die Seele der Spieler nie verletzten.

Offensichtlich ist Ihre Seele häufiger verletzt worden. Im Umgang mit Journalisten werden Ihnen Defizite nachgesagt.

Alle Menschen sind verletzlich; keiner hat eine dicke Haut. Wenn du im Tal der Könige in Ägypten stehst und dir bewusst wird, dass in der Ewigkeit die 40 Jahre deines Berufslebens nur einen Wimpernschlag bedeuten, dann hast du keine Lust mehr, dich zu ärgern. Also vermeide ich es, mit Journalisten zu reden, die nicht die Wahrheit schreiben, sondern mich als Person treffen wollen. Das Leben ist zu kurz, um sich zu ärgern.

Wenn jemand Ihnen aber nun sagt, Fußball werde immer mehr zum Showgeschäft, und deshalb müsse auch der Trainer …

Fußball wird nie zum Showgeschäft. Ein linker Verteidiger muss von der Grundlinie aus eine Bananenflanke schlagen können, und wenn er das nicht kann, hilft ihm auch keine große Klappe in Interviews. Ein Fußballer muss konditionell gut dabei sein, über eine gute Technik verfügen und Situationen vorhersehen. Die Wahrheit findet sich in 90 Minuten auf einem 60 Meter breiten und 110 Meter langen Rasenviereck. Aber auch dort gibt es keine endgültige Wahrheit. Deshalb halten wir uns immer an Resultate, auch wenn Ergebnisse manchmal täuschen können.

Werder tut sich in der Bundesliga gegenwärtig sehr schwer. Weshalb?

Wir haben nicht die sportliche Substanz, um Meister zu werden. Wenn wir in einem Wettbewerb beim Finish dabei sind, hat Bremen das Saisonziel erreicht. In elf Jahren, die ich bei Werder bin, ist der Verein aufgestiegen, wurde Meister, Pokalsieger, war bis auf eine Ausnahme im Europapokal vertreten, stand in drei Endspielen in Berlin, steht jetzt im Europapokal-Finale. Außerdem hat der Verein auch durch gute Transfers von Spielern, die in Bremen aus- oder weitergebildet wurden, so viel Geld erwirtschaftet, dass er zu einem erheblichen Teil den Stadionausbau finanzieren konnte. Das alles unter schwierigen strukturellen Rahmenbedingungen. Hätte Schalke unsere Erfolge gehabt, hätten die schon goldene Berger vor dem Tor.

Wer wird nach Ihrer Meinung denn Deutscher Meister?

Als Fachmann muss ich sagen: von der fußballerischen Substanz her Eintracht Frankfurt. Als Kind des Ruhrgebiets allerdings gönne ich den Menschen dort, dass Borussia Dortmund Meister wird.

Wir kommen an Ihrem Ausbruch gegenüber Schiedsrichter Stenzel nach dem 2:2 in Bochum nicht vorbei. Nach seinem irregulären Elfmeterpfiff für Bochum haben Sie noch lange nach dem Abpfiff eine Parallele zu seinen Pfiffen in der damaligen DDR-Oberliga gezogen. So zornig, wütend und erregt kannte die Öffentlichkeit Otto Rehhagel gar nicht mehr …

Wut und Hass sind schlechte Ratgeber, und ich hätte deswegen vielleicht mein Maul halten sollen. Aber ich hasse Ungerechtigkeiten. 90 Prozent aller Ungerechtigkeiten, die mir widerfahren, schlucke ich, aber manchmal muss ich auch zurückhauen dürfen.

Letzte Frage: „Wer gewinnt das Endspiel?“

Die Chancen stehen 50:50. Monaco hat eine technisch versierte Mannschaft mit afrikanischem Einschlag, spielt ein durchdachtes, ausgeklügeltes System, hat auch die Kraft für Forechecking. Wir müssen alle einen guten Tag erwischen, um zu gewinnen. Durch die Informationsflut, durch die Videotechnik weiß heute jeder alles über den Gegner. Es gibt keine Überraschungen mehr, denn auch die Spielsysteme haben sich mehr und mehr angeglichen. Wenn heute Karpow und Kasparow gegeneinander Schach spielen, neutralisieren die sich und mindestens neun von zwölf Partien enden remis. So wird auch das Finale werden. Ein einziger Fehler kann es entscheiden.

RAINER KALB

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