Bitterer Moment: Nach dem 1:2 beim HSV schleichen die Werder-Profis Werner Görts, Herbert Laumen, Dieter Zembski und Willi Neuberger vom Platz. In der zweiten Hälfte hatten sie in den Trikots des Erzrivalen spielen müssen.
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Bitterer Moment: Nach dem 1:2 beim HSV schleichen die Werder-Profis Werner Görts, Herbert Laumen, Dieter Zembski und Willi Neuberger vom Platz. In der zweiten Hälfte hatten sie in den Trikots des Erzrivalen spielen müssen.

Unter falscher Flagge

Warum Werder heute vor 47 Jahren eine Halbzeit lang in HSV-Trikots spielen musste

Hamburg/Bremen - Dieter Zembski ahnte sofort, dass hier irgendetwas nicht stimmen konnte. Wieso sonst der ungewöhnliche Kabinenbesuch mitten in der Halbzeitpause?

Werders Abwehrspieler hatte sich gerade auf seinen Platz fallen lassen, die Stutzen ein Stück heruntergeschoben, einmal tief Luft geholt und sich bereit gemacht für die Ansprache des Trainers – als plötzlich die Tür aufflog. „Kurz danach haben wir dann nicht mehr besonders intelligent aus den Augen geguckt“, erinnert sich der Ex-Profi.

Während des Nordderbys beim HSV war Schiedsrichter Walter Eschweiler am 27. Novemver 1971, also heute vor 47 Jahren, mit einem ziemlich pikanten Anliegen zu den Bremern gekommen: Sie sollten ihre Trikots wechseln. Weil während der TV-Übertragung des Spiels zwischen den rot-weißen Speckflaggen-Hemden der Bremer und der rot-weißen HSV-Kluft kaum ein Unterschied zu erkennen war, drängte das Fernsehen auf ein neues Werder-Outfit.

Das Problem: „Wir hatten nur diesen einen Satz Trikots dabei“, berichtet Zembski. Für Eschweiler war das keine Ausrede. Kurzerhand wurde anderweitig Ersatz besorgt: beim HSV. „Als deren Zeugwart mit Hamburgs Auswärtstrikots in die Kabine kam und wir die anziehen sollten, dachte ich, das muss ein Scherz sein“, sagt Zembski. War es aber nicht. Im Gegenteil. Eschweiler machte den Bremern klar: „Wollt ihr weiterspielen oder richtig Ärger bekommen? Na also. Zieht einfach die Trikots an.“

Dieter Zembski im Karriere-Interview: „Ich sah aus wie eine Leiche“

Das verkorkste Jahr der „Millionen-Elf“

Äußerst widerwillig habe Werder dem Folge geleistet, sagt Zembski, dessen Mannschaft mit der falschen Raute auf der Brust am Ende eine 1:2-Niederlage kassierte. „Wir konnten ja auch kaum noch spielen, weil es aus dem Augenwinkel immer so aussah, als wenn die Pässe beim Gegner landen“, betont Zembski. Und lacht. Heute kann er das. Sowohl über den kuriosen Trikottausch als auch über die gesamte Saison 1971/1972, die in Werders Vereinsgeschichte für immer einen Sonderstatus einnehmen wird. Es war schließlich das Jahr der „Millionen-Elf.“

Herbert Laumen, Peter Dietrich, Carsten Baumann, Willi Neuberger, Werner Weist und Jürgen Weber – Werder verpflichtete im Sommer 1971 mit finanzieller Unterstützung aus der Bremer Wirtschaft gleich sechs namhafte Spieler und gab dabei mehr Geld aus als die großen Vereine Bayern München und Borussia Mönchengladbach. Ein Teil des Deals mit den Geschäftsleuten waren die später verhängnisvollen Speckflaggen-Trikots in den Bremer Stadtfarben, mit Bremer Schlüssel statt Werder-Raute auf der Brust. „Ich weiß noch, wie wir vor der Saison als Mannschaft vor 7000 Menschen in der Stadthalle präsentiert wurden“, erinnert sich Zembski. Sportlich wurde die „Millionen-Elf“ den Ansprüchen aber nie gerecht.

Die (fast) tägliche Dosis Werder-Historie gibt‘s in der Wita

„Gift innerhalb der Mannschaft“ und „angespitzte Stollen“

Herbert Laumen, damals Nationalspieler und aus Gladbach nach Bremen gewechselt, erinnert sich: „Wir haben als Mannschaft nie funktioniert. Es gab große Probleme zwischen den neuen und alten Spielern.“ Zembski spricht gar von „Gift innerhalb der Mannschaft“ und Trainingseinheiten mit „angespitzten Stollen“.

Am Ende der Saison hatten die Bremer sechs (!) Trainer verschlissen, unter dem Strich stand ein mehr als enttäuschender elfter Platz in der Bundesliga. „Es war ein schlimmes Jahr“, sagt Laumen, der das Spiel als Bremer im HSV-Trikot „einen der kuriosesten Momente meiner Karriere“ nennt. Und das will beim Ex-Stürmer wahrlich etwas heißen. Schließlich hatte er nur ein halbes Jahr zuvor, im April 1971, als Gladbach-Profi im Duell gegen Werder für den berühmten Pfostenbruch gesorgt. Aber das ist eine andere Geschichte.

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